Digitalisierung von Coaching – Fluch oder Segen?

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Die Coaching-Community beschäftigt sich derzeit intensiv mit dem Thema „Digitale Medien im Coaching“. Denn digitale Medien halten – wie überall – auch in das Coachinggespräch und in den Coachingprozess Einzug. Nun stellt sich die Frage: Fluch oder Segen?

Die Befürworter loben die örtliche Unabhängigkeit: Egal wo auf der Welt sich der Coach oder der Klient befindet – das Coaching kann stattfinden. Die Teilnehmer müssen sich lediglich auf die Zeitzone und die Uhrzeit einigen und dafür sorgen, dass keiner der beiden einen Jetlag hat. Lästige und zeitintensive An- und Abreisen zum Coachingtreffpunkt entfallen. Diese Zeit kann anders viel effektiver verwendet werden.

Für den Klienten und den Coach sind die Zeitersparnisse natürlich enorm! Damit ist das digitalisierte Coachingformat vor allem für den Coach sehr lukrativ, da dieser meist zum Klienten fährt. Andererseits sind die Klienten immer häufiger unterwegs und haben haben die Klienten nur einen kleinen realistischen Zeitraum, an dem ein Face-to-Face-Coaching stattfinden kann.

Ich zähle mich bekannterweise eher zu den Gegnern der Digitalisierung im Coaching. Dabei sehe ich mich durchaus als Fan der Digitalisierung, aber eben nicht für wichtige, intensive Gespräche – und damit nicht für Coaching.

Was spricht gegen eine Digitalisierung des Coachings?

Beim Coaching geht es um wesentliche Themen für den Klienten. Meist sind diese Themen auch mit Leidensdruck verbunden. Sollte es dem Klienten deshalb nicht wert sein, sich dafür Zeit zu nehmen und zu entschleunigen? Und nicht einige Minuten Zeit zu sparen, um damit wieder andere Dinge zu tun? Und sollte der Coach den Klienten nicht dazu ermutigen, sich diese Zeit zu nehmen?

Prof. Dr. Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Universität Göttingen, sieht in Entschleunigung sogar einen ausschlaggebenden Faktor für Höchstleistung, da für Qualität individuelle Kreativität und dafür wiederum zeitintensive Denk- und Diskussionsprozesse notwendig sind: Im Coaching sollte die bestmögliche Qualität an Ergebnissen für den Klienten erarbeitet werden, Entschleunigung ist dafür Voraussetzung.

Business Coach MBS

Eine weitere Voraussetzung für erfolgreiches Coaching ist eine gute Vertrauensbasis zwischen Klient und Coach. Vertrauensaufbau ist nach dem Psychologen Prof. Dr. Alexander Thomas weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr eine intuitive Reaktion auf verbale und vor allem nonverbale Gesten. Nonverbale Kommunikation lässt sich heutzutage immer noch sehr schwer über eine Videokonferenz herstellen: Oftmals gibt es hier eine Zeitverzögerung zwischen Ton- und Bildübermittlung. Am schnellsten und einfachsten erfolgt Vertrauensaufbau in einem Face-to-Face-Gespräch. Dieses Faktum wird in der Unternehmenswelt bei schwierigen Verhandlungen und Mitarbeitergesprächen seit Langem berücksichtigt. Beim Coaching sollte dies nicht anders sein.

Bei der Coachingzusammenarbeit mit dem Klienten kommen je nach Fragestellung unterschiedlichste Coachingtools zum Einsatz, die die Kreativität, Horizonterweiterung, Perspektivänderung und optionale Handlungsalternativen fördern sollen. Über digitale Medien sind solche Tools nur sehr eingeschränkt und mit großem zusätzlichen Erklärungsaufwand einsetzbar. Oft bleiben die erwünschten Ergebnisse im Einsatz von digitalen Medien aus, weil sich der Klient nicht auf seine Fragestellung, sondern auf die richtige Anwendung des Tools konzentriert. Beim Face-to-Face-Gespräch ist der Coach vor Ort und kann bei Bedarf den Tooleinsatz korrigieren. Dem Klienten wird die Zuversicht vermittelt: „Konzentriere Dich auf Deine Fragestellung und ich als Coach achte darauf, dass Du das Tool richtig einsetzt.“

Und nicht zuletzt darf die Kommunikation zwischen Klient und Coach nicht unterbrochen werden. Andererseits weiß jeder aus eigener Erfahrung, wie störanfällig technischen Systeme sind. Sollte die Kommunikation abbrechen, ist jeglicher Flow im Coaching dahin und die Ergebnisqualität des Coachingprozesses leidet.

Vermutlich wird in Zukunft das Face-to-Face-Coaching nicht mehr der Normalfall sein, sondern sich eher zu einem „Deluxe“-Coachingformat entwickeln. „Deluxe“ nicht nur in Bezug zu den Kosten, sondern zum höheren Zeitinvestment, aber auch in Bezug zu den qualitativ außerordentlich hochwertigen Ergebnissen. Interkulturellen Studien und Forschungen zu virtuellem Arbeiten haben dies längst belegt.

Prof. Dr. Evelyn Albrecht
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Prof. Dr. Evelyn Albrecht ist Programmdirektorin des Zertifikatslehrgangs Business Coach an der MBS und führt diesen auch selbst durch. Sie studierte Naturwissenschaften, BWL und Philosophie und sammelte anschließend 15 Jahre lang Erfahrungen im Top-Management internationaler Unternehmen. Albrecht arbeitet seit über zehn Jahren als Coach und Autorin, ist Senior Coach des DBVC und QRC und außerdem Mitglied in zahlreichen internationalen Coaching-Verbänden. Zusätzlich lehrt und forscht sie als Professorin für Unternehmensführung und Projektmanagement. Dozentenprofil