Wirtschaft und „Planetare Grenzen“: Zentrale Konzepte globaler Nachhaltigkeit (Teil 1)

MBS Planetary Boundaries
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Die besten Lernerfahrungen im Leben transformieren oftmals Wissen, Kompetenzen und Emotionen. Ein guter MBA-Studiengang, der auf eine tiefe Lernerfahrung abzielt, sollte ebenfalls diese dreifache Transformation schaffen. Die Munich Business School hat sich gemeinsam mit zahlreichen anderen Unterzeichnern der Principles for Responsible Management Education (PRME) der Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt, effektive, anregende Lernumgebungen zu schaffen. Wir messen dem Ziel, sich mit Fragen der globalen Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, besondere Bedeutung bei.

Das wohl einflussreichste zeitgenössische Konzept zu globaler Nachhaltigkeit ist das Planetary Boundaries Framework (Konzept der planetaren Grenzen). Dieses ursprünglich von einem multidisziplinären, von Johan Rockström koordinierten Team von 25 führenden Wissenschaftlern entwickelte Konzept widmet sich der folgenden Frage: Welche unumstößlichen planetarischen Grundvoraussetzungen muss die Menschheit beachten, um das Risiko schädlicher oder sogar katastrophaler Umweltveränderungen auf der kontinentalen bis hin zur globalen Ebene zu vermeiden? Gibt es einen „sicheren Handlungsraum für die Menschheit”?

Planetary Boundaries
Die neun planetaren Grenzen. © F. Pharand-Deschênes/Globaïa

Neben dem Klimawandel haben die Experten acht weitere planetarische Grenzen identifiziert und quantifiziert, innerhalb derer die Menschheit weiterhin über Generationen hinweg wachsen und gedeihen kann. Diese neun Grenzen werden als interagierende Prozesse des Erdsystems begriffen:

  • stratosphärischer Ozonabbau (man denke an das steigende Hautkrebsrisiko!),
  • atmosphärische Aerosolbelastung (z.B. Verschmutzung durch unsere Autos),
  • Freisetzung von Chemikalien (Plastik usw.),
  • Übersäuerung der Ozeane (ein großer Teil der Treibhausgasemissionen wird von den Ozeanen aufgenommen und gefährdet so die Korallenriffe und andere Meereslebewesen),
  • globaler Süßwasserverbrauch,
  • Veränderungen der Landnutzung (z.B. nutzen wir einen Großteil der Fließgewässer und Landflächen für die Landwirtschaft),
  • Klimawandel,
  • biogeochemische Kreisläufe (z.B. Stickstoff und Phosphor aus Düngemitteln, die letztendlich Wasser und Boden schädigen) und
  • Integrität der Biosphäre (so beschleunigt sich z.B. das Artensterben dramatisch).

Für die meisten dieser Erdsysteme haben die Wissenschaftler exakte Grenzwerte bestimmt. Ihre Überschreitung könnte zu abrupten und irreversiblen Umweltveränderungen führen. Und mindestens vier dieser planetarischen Grenzen sind wahrscheinlich bereits überschritten (Klimawandel, Stickstoff und Phosphor, Landnutzung und Biodiversitätsverlust).

Die Wirtschaft hat enormen Einfluss auf all diese Grenzen: So stellt die Landwirtschaft einen wesentlichen Faktor für Landnutzungsveränderung, Wasserverbrauch, Stickstoff (Düngemittel) und Klimawandel dar. Auch die Industrie trägt dazu bei, dass jede der planetarischen Grenzen und die klar definierten Grenzwerte, die als „sicherer Handlungsraum“ festgelegt wurden, überschritten werden.

Wie kann dieses komplexe Konzept nun auch Laien zugänglich gemacht werden? Wie können wir als Geschäftsleute und Nicht-Umweltexperten die Grundlagen globaler Nachhaltigkeit verstehen, wie sie durch dieses einflussreiche Konzept dargestellt werden? Wie kann das globale Bild in den Klassenraum gebracht werden, sodass Business- und MBA-Studenten einen direkten Einblick in die komplexen Herausforderungen der Umwelt erhalten, die aus den zahlreichen Dimensionen von wirtschaftlicher Aktivität resultieren?

An der Munich Business School haben wir uns zusammen mit einigen anderen Kollegen aus verschiedenen Regionen eingehend mit einer Methode beschäftigt, die wir als potenziell transformativ erachten: wir produzieren Amateur-Dokumentarfilmen. Richtig, die Studenten drehen eigene, etwa zehnminütige Filme mit ihren Smartphones, ihre eigenen Geschichten, „Plots“ und filmischen Erzählungen. Ein Semester lang schlüpfen sie in Kursen wie „Business and Society“ in die Rolle eines Amateurfilmregisseurs und versuchen, die mit den planetarischen Grenzen verbundenen zentralen Umweltprobleme darzustellen, die sich vor ihrer eigenen Haustür abspielen.

In diesem Projekt wählen die Studenten Themen, die für sie von besonderer Bedeutung sind: Welche Herausforderungen stellen sich meiner Stadt oder Region beim Thema Wasser? Wie können Aerosol und Feinstaub in meiner Region reduziert werden, obwohl sie von der Automobilindustrie abhängig ist? Wie geht es unseren Meereslebewesen und Korallenriffen? Wie zeigen sich die Folgen des Klimawandels in einer bestimmten Branche – und was lässt sich dagegen tun?

Diese Dokumentarfilme sind für die Studenten nicht nur die Hauptaufgabe des Kurses, sondern auch eine intensive Erfahrung, die wir als eine äußerst lehrreiche, transformative Reise bezeichnen würden. Mit der Kamera in der Hand kommen die Studenten endlich einmal aus dem Klassenraum. Wir haben hier in München und bei vorherigen Projekten erlebt, dass Studenten, um ihre Kurzdokumentationen zu drehen, Ziegelwerke, Flüsse und Seen besuchten, durch die Wälder zogen, in verschiedene Rollen schlüpften, als Kirschpflücker arbeiteten, UNESCO-Welterbestätten besichtigten, Cartoons zeichneten, Weinberge besuchten, Algen und tote Quallen mit bloßen Händen anfassten; sie setzten kleine Drohnen ein, um die Landschaft von oben zu filmen, schwammen durch Flüsse und Seen, vergnügten sich beim Tauchen, besuchten Parks, Höhlen und Winzereien, befragten Wissenschaftler, sprachen mit Ureinwohnern, diskutierten mit Managern und Aktivisten; sie besuchten Wasserreservoirs, städtische Bauernhöfe, Großhandelszentren, Recyclinganlagen und Mülldeponien, Feuchtschutzgebiete, Kraftwerke sowie ökologische Bildungszentren und interviewten Bürgermeister; sie spielten Detektiv oder gingen entlang einiger der kultigsten von Menschenhand geschaffenen Infrastrukturen der Welt spazieren (z.B. The Palm in Dubai).

In diesem ersten Blogbeitrag möchten wir über die Kernaspekte dieser Lernerfahrung sprechen, mit denen sich unsere Studenten bei der Produktion von Amateurfilmen in München (und an anderen Standorten, an denen wir zuvor unterrichteten) beschäftigt haben. Wir beginnen diese Serie zunächst mit einer Übersicht über die zahlreichen Erkenntnisse, die die Studenten üblicherweise rund um das zentrale Problem des Maßstabs und der globalen Nachhaltigkeit sammeln.

Die Industrie, planetarische Grenzen und globale Nachhaltigkeit

Einen Kurzfilm über Umweltprobleme zu drehen, die im Zusammenhang mit den planetarischen Grenzen und dem Einfluss der Industrie auf diese Grenzen stehen, fördert meist viele Erkenntnisse auf Wissens-, Kompetenz- und emotionaler Ebene, die mit Raum- und Zeitskalen in Verbindung gebracht werden können. Im Folgenden werden wir einige davon beschreiben.

Identifikation ortsunabhängiger historischer Entwicklungen und Parallelen

Wenn die Studenten ihre Amateurfilme drehen, tun sie meist eines zuerst: in die Vergangenheit zurückschauen, um die Entwicklung eines bestimmten industriell bedingten Umweltproblems zu betrachten. Unter anderem haben Studenten in die Flurbereinigung in ihrer Region untersucht, z.B. seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert oder in der Hochphase in den 50ern im Vergleich zu heute. Sie haben die historische Nuetzung von Flussufern als „Mülldeponien“ untersucht und die Veränderung des Wasserverbrauchs in einem bestimmten Industriezweig über die Zeit hinweg erforscht.

Während sie ihre Projekte vorbereiteten und verfilmten, stellten die Studenten oftmals fest, dass einige der untersuchten (und gefährdeten) Orte sogar UNESCO-Welterbestätten oder -Biosphärenreservate von enormer historischer Bedeutung sind. Die Studenten haben auch gelernt, dass die von der Industrie genutzten Orte oft keinen Nutzwert (z.B. einen wirtschaftlichen oder einen Freizeitnutzen) hatten, aber eine kulturelle oder sogar spirituelle Bedeutung (z.B. für australische Ureinwohner).

Ebenso bedeutsam ist, dass die Studenten oft Parallelen und bestimmte Muster festgestellt haben, die sich in verschiedenen Regionen wiederholen (z.B. Herausforderungen in der Energieversorgung und Auswirkungen des Klimawandels in British Columbia und in Westaustralien; oder Autobahnbau, Aerosolbelastung u.a. durch Verkehrsabgase in München, Perth in Australien und Sarajevo in Bosnien-Herzegowina).

„Dimensionalisierung“ von Umwelt-Industrie-Konflikten

Das Drehen der Amateur-Dokumentarfilme gab den Studenten oft die Gelegenheit, die verschiedenen untersuchten Umwelt-Industrie-Konflikte über mehrere Dimensionen hinweg zu betrachten: Die Studenten haben Vergleiche zwischen wesentlichen Indikatoren gezogen wie der aktuellen Anzahl der heute überlebenden einheimischen Pflanzen im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Oder sie stellten bei der Kohleverbrennung und anderen Energieerzeugungsverfahren fest, dass diese mehr Treibhausgase produzieren als jede andere Energiequelle und dass diese exzessiv von den G20-Ländern eingesetzt werden. Die Studenten erstellten außerdem Indikatoren für landwirtschaftliche Verfahren; dabei erforschten sie die vermehrte Verwendung von Düngemitteln (und folglich den gesteigerten Stickstoffausstoß, der den Meereslebewesen erheblich schadet) stellten Zusammenhänge her zwischen Bewässerungsmethoden in wasserarmen Regionen und dominanten Wirtschaftssektoren wie der Weinwirtschaft in Australien. In Begleitkommentaren stellten die Studenten Vergleiche an („ihr Verbrauch ist 400-mal höher als im Jahr 1940“).

Oft werden Umweltprobleme durch diese Videos in einen Kontext gebracht. So zählt der von verschiedenen Gruppen untersuchte Swan River in Australien laut einem interviewten Wissenschaftler zu den am stärksten mit Stickstoff belasteten Flüssen unter über hundert Flusssystemen. Ebenso ist die „Nutzung der Natur“ durch die Bevölkerung häufig anhand von Richtwerten für Bilanzen beurteilt worden (z.B. Wasser- und Energiebilanz pro Kopf in Deutschland, Australien, Singapur und den VAE), wie es auch einige Gruppen in ihren Videos taten.

Oft bauten die Studierenden Tabellen, Grafiken, Karten und Fotos in ihre Videos ein, um eine andere Seite der Geschichte zu präsentieren. Wirtschaftliche Strukturen, landwirtschaftliche Trends und Vorher-Nachher-Bilder halfen den Studenten, die Bedeutung einer bestimmten Industrie aus lokaler, regionaler, kontinentaler oder sogar globaler Perspektive zu analysieren. Auch bildhafte Erzählungen, Darstellungen oder Metaphern kamen zum Einsatz: z.B. könnten mit der jährlichen Menge an Lebensmittelabfällen in Singapur „x“ Fußballfelder gefüllt werden.

Zusammenhänge auf lokaler, regionaler und planetarischer Ebene

Die Dokumentationen halfen unseren Studenten, einige der vielen Zusammenhänge zu erkennen, die auf lokaler, regionaler und planetarischer Ebene bestehen.

Die Studenten setzten sich intensiv mit wissenschaftlichen Dokumentationen (wie z.B. Fachzeitschriften für Wissenschaft und Natur) auseinander und erkannten, dass ferne Regionen und Ereignisse eigentlich tatsächlich ziemlich nah sind: In einem Video zeigten sie wiederkehrende Verschmutzungsmuster in einem Flusssystem auf, das sich über Hunderte von Kilometern erstreckt und vielfältige verschiedene Klimata sowie eine hohe Biodiversität aufweist; die Viehzucht im Schwarzwald könnte das Feinstaubproblem des nicht weit entfernten Stuttgart schnell verschärfen; drastischer Temperaturanstieg hat dafür gesorgt, dass sich manche Tier- und Pflanzenarten in Gebieten wohlfühlen, in denen sie zuvor nicht bekannt waren (z.B. verdrängt in Lappland der Rotfuchs den Polarfuchs, wie ein Same einem unserer Studenten berichtete); in Westaustralien werden Nährstoffe in Flüsse gekippt und dringen durch die Meeresströmung bis zur Ostküste Australiens und in ihr wichtigstes Ökosystem vor, das Great Barrier Reef; durch globale Luftzirkulation verteilen sich Schadstoffe rasend schnell auf der ganzen Welt und könnten sich auf globale Phänomene wie den Asiatischen Monsun auswirken.

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Prof. Dr. Jose M. Alcaraz
Über Prof. Dr. Jose M. Alcaraz 11 Artikel
Prof. Dr. Jose Alcaraz promovierte zum Thema "Digitalization of Human Capital Management" und war Direktor mehrerer MBA-Programme in allen Teilen der Welt: an der IESE Business School in seiner Heimatstadt Barcelona, am Raffles Design Institute in Shanghai, an der Dubai University/Leicester University in Dubai, an der Barna Management School in Santo Domingo (Dominikanische Republik), an der Murdoch University in Perth (Australien) sowie an der Munich Business School.Prof. Dr. Alcaraz publiziert regelmäßig in verschiedenen Medien und Peer-Review-Publikationen, darunter in den Fachzeitschriften Academy of Management Learning & Education, German Journal of Human Resource Management, Information and Organization, Organization, Business & Society, Competitive Review etc.Vor seinem Wechsel in den akademischen Bereich hielt Dr. Alcaraz verschiedene Führungspositionen in der Softwareindustrie und arbeitete in Spanien und Lateinamerika eng mit der RBL Group zusammen (einem von Dave Ulrich mitgegründeten Beratungsunternehmen, das in strategischer Personaltransformation, der Entwicklung von Führungsqualitäten und der strategischen Umsetzung führend ist).In seiner Forschung konzentriert er sich auf Management, Nachhaltigkeit und pädagogische Innovation. Seit Kurzem ist Dr. Alcaraz fasziniert von der Kraft der Phantasie, insbesondere der Science Fiction, und ihrer Fähigkeit, uns zu helfen, Trends und zukünftige komplexe sozio-technische Szenarien zu erkennen. In seinem neuesten Forschungsprojekt arbeitet er mit SciFutures zusammen (laut dem Fast Company Magazin "das coolste Unternehmen der Welt") und untersucht, inwiefern Sci-Fi Potenzial hat, Storytelling zu fördern sowie Szenario-Building und Innovation voranzutreiben.
Keary Shandler
Über Keary Shandler
Keary Shandler is a lecturer and researcher at Murdoch University Dubai.