Wirtschaft und „Planetare Grenzen“: Zentrale Konzepte globaler Nachhaltigkeit (Teil 2)

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Geschwindigkeit und (noch nie dagewesene) extreme Wetterereignisse

Als unsere Studenten ihre Dokumentationen drehten und dabei wissenschaftliche Experten befragten, wurde ihnen von häufiger werdenden extremen und manchmal plötzlich auftretenden Wetterphänomenen berichtet, die sich allerorts zugetragen hatten – egal ob in Singapur, Dubai, Perth oder München oder genau dort, wo die Studenten filmten. So wurde einem Studenten, der Lappland besuchte, von der abnehmenden Schneequalität berichtet sowie von Seen, die viel später zufrieren oder deren Eisdicke sehr schnell zunimmt, was – bei einer Dicke von einem Meter – das „Fischen“ für die Tiere erheblich erschwert.

Eine andere Studentengruppe, die die Auswirkungen der Industrie auf die Shark Bay (ein australisches UNESCO-Welterbe) untersuchte, erfuhr von einem anerkannten Wissenschaftler, dass schnell und plötzlich auftretende Ereignisse zu bislang ungekannten marinen Hitzewellen und dem Schwund von Seegras geführt haben, einem der wichtigsten Nährstoffe für viele Arten. Währenddessen hat es auf der anderen Seite des Kontinents, beim Great Barrier Reef, vierhundert Mal mehr geregnet als in den vergangenen Jahren.

Das Lokale, im Zusammenhang mit dem Regionalen und dem Globalen

Wie eine der Gruppen in München feststellen musste, sind grundlegende Hygienestandards nicht für alle Menschen auf diesem Planeten verfügbar. Leider müssen über eine Milliarde Menschen die „offene Defäkation“ praktizieren, was extrem problematisch ist, da der in den menschlichen Hinterlassenschaften enthaltene Stickstoff und Phosphor das Wasser und den Boden verunreinigen (dies ist eines der globalen Probleme, auf welche die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung aufmerksam machen will und für deren Lösung sie Geld in die Forschung investiert).

Die Videos unserer Studenten zeigen, dass kleine Phänomene die Manifestation größerer Probleme von globaler Bedeutung sein können. Ein Tourist, der eine Tropfsteinhöhle besucht und mit seinen Händen ahnungslos Rückstände auf den Kalksteinsäulen hinterlässt, kann das Mikroklima und die Mikroökologie der Säulen, welche Tausende von Jahren benötigen, um nur ein paar Zentimeter zu wachsen, völlig aus dem Gleichgewicht bringen; das Übermaß von Swimmingpools (die aufstrebende Mittelschicht muss sich schließlich vergnügen) beeinflusst den globalen Süßwasserverbrauch; das Fällen von Bäumen führt zur Reduktion wertvoller CO2-Senken.

Und wie von einer anderen Gruppe festgestellt, „ist die Algenblüte nichts anderes als die Manifestation eines globalen Problems“ – sie wird oftmals vom enormen Stickstoffausstoß durch Düngemittel verursacht, ein gefährlicher Kreislauf, der zur möglichen Überschreitung einer der planetarischen Grenzen (biogeochemische Kreisläufe) beiträgt.

Bei dem Versuch, einen Ausgleich zu den vielen negativen Einflüssen herzustellen, ist eine Gruppe auf die Methode der künstlichen Sauerstoffanreicherung zur Reduzierung der negativen Auswirkungen industrieller Schadstoffe gestoßen. Die Ansiedlung von nicht-einheimischen Arten, um einer zerstörerischen Käferplage ein Ende zu bereiten, ist eigentlich die Manifestation einer planetarischen Grenze in Zusammenhang mi der Verschmutzung durch Chemikalien (eine Maßnahme, die häufig nach hinten losgeht, wie eine unserer Gruppen feststellte).

Viele dieser Umweltprobleme werden durch die Industrie verschlimmert, und laut den von den Studenten angeführten Aussagen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder des Weltwirtschaftsforums (WEF) bringen sie häufig globale Risiken mit sich (mit Wasser ganz weit oben auf der Liste).

Menschliche Anstrengungen mit globalen geologischen Auswirkungen – das Anthropozän

Videos von unseren ehemaligen Studenten in Singapur und Dubai zeigen –wie vielleicht in keinen anderen sich ähnlich rasant entwickelnden Regionen – den Höhepunkt eines vom Menschen dominierten geologischen Zeitalters („Anthropozän“ genannt). Große Landgewinnungsprojekte, wie die Hunderte von Quadratkilometern umfassende Landaufschüttung in Singapur oder die luxuriöse künstliche Insel „The Palm“ vor der Küste Dubais, verwandeln und beeinträchtigen ganze Ökosysteme. Die Videos der Studenten deuten darauf hin, dass Singapur als eine Art Modell-Stadtstaat für Geo-Engineering im kleinen Maßstab angesehen werden kann (wie in dem Film „New Water“, der zeigt, dass recyceltes Wasser eine der Hauptwasserquellen des Landes ist, und dass die Verwaltung Singapurs vielmehr der einer Stadt gleicht als der eines Landes im herkömmlichen Sinne).

Ein Bild der Zukunft anhand aktueller Zahlen (die Zukunft hat bereits begonnen)

Die Videoprojekte unserer Gruppen bezogen sich häufig auf die wissenschaftliche Bewertung von aktuellen Zahlen und Zukunftsprognosen, die zu erwarten sind, wenn die aktuellen Trends anhalten (beispielsweise bezogen auf die Veränderung der Landnutzung, die überbleibende Flora und Fauna, die Millionen von Arten, die in den nächsten 30 Jahren möglicherweise verschwinden werden).

Viele Videos greifen das berühmte Zitat von William Gibson auf: „Die Zukunft hat bereits begonnen; sie ist nur sehr ungleichmäßig verteilt.“ Zahlreiche der interviewten Wissenschaftler weisen auf Fakten hin wie: „Selbst wenn der Einsatz von Nährstoffen sofort beendet würde, würde das Problem für die nächsten 20, 30 oder vielleicht 40 Jahre weiter bestehen…“ Andere Videos berichten von den Auswirkungen der Treibhausgase, „die wir noch in Hunderten von Jahren spüren werden, selbst wenn wir sie jetzt sofort stoppen“. (Ein entsprechendes Videoprojekt, das vielleicht zu den interessantesten zu diesem Thema gehört, war ein Science-Fiction-Film: Die Studenten zeichneten ein Szenario des Jahres 2047, wo wichtige Nährstoffe fehlen).

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Zentrale Akteure, (g)lokale Lösungen und Lösungen auf mehreren Ebenen

Die Videoprojekte ermöglichten es den Studenten, die Rolle weniger Akteure (oder Faktoren) wahrzunehmen, die größere Phänomene bilden (ähnlich wie bei der herrlichen 80:20-Regel von Pareto). Dies wurde oft von Studenten aufgegriffen, wenn sie realisierten, dass einige der sogenannten „Schlüsselarten“ entscheidend für den Erhalt des gesamten Ökosystems sind; dass bestimmte Teile eines Flusses eine wichtige Rolle bei der Nährstoffversorgung stromaufwärts und -abwärts spielen; dass wenn der größte Teil des verbrauchten (zw. verschwendeten) Wassers in Haushalten für die Gartenpflege verwendet wird, verbesserte Bewässerungsmethoden bedeutende Auswirkungen haben können – auf lokaler, regionaler und planetarischer Ebene; dass grundlegende Mikrohabitate (wie z.B. Seegras in Küstengebieten) ein wesentlicher Bestandteil der Megafauna sind (die eine wichtige Stütze der Fischerei- und Tourismusbranche ist), deren Schutz vielfachen Nutzen bringt; dass Tiere, die wärmeren Gewässern ausgesetzt sind, schneller sterben und mit ihnen ganze Nahrungsketten zusammenbrechen können, die für andere Meeresbewohner – wie auch für Fisch- und Meeresfrüchtehändler – lebenswichtig sind; dass das Schwinden der Mangrovenbäume zu Küstenerosion und dem Kollaps ganzer Ökosysteme führen kann; dass sich bestimmte Gebiete auf der Welt (wie z.B. Westaustralien) als globale Hotspots entpuppen, deren Bedeutung planetarische Ausmaße annimmt (weshalb es unerlässlich ist, „Erkenntnisse von einem Hotspot auf einen anderen zu übertragen“).

Vertikale Landwirtschaft, essbare Gärten, dichter besiedelte Städte… Wie von verschiedenen Gruppen erwähnt, ist „denke global, handle lokal“ ein Gedanke, der darauf fußt, das konkrete Kleine auf das Große zu übertragen. Genau das ist die Idee des (g)lokalen Handelns, die eine Quelle des Optimismus sein kann – gerade jetzt, auf einem zunehmend urbanisierten Planeten. Eine Gruppe zeigte, dass vorbildliche Maßnahmen, die von den Städten ergriffen werden (z.B. bezüglich Transport, Energieverbrauch, Abfall, CO2-Emissionen oder urbaner Landwirtschaft), globale Auswirkungen haben können, wenn sie konzertiert und von mehreren Städten gleichzeitig umgesetzt werden (wie es auch einige Studenten feststellten, die sich mit Smart Cities beschäftigten).

Auf der Suche nach Lösungen machten viele dieser Umwelt-Industrie-Konflikte den Studenten bewusst, wie wichtig es ist, die Verfahren der Ökobilanz zu verstehen – von z.B. einer Plastiktüte oder einer Flasche Wein und der für ihre Produktion benötigten Energie- und Wassermenge. Unsere Videoprojekte haben Studenten dazu veranlasst, über langfristige Pläne und die zahlreichen Herausforderungen nachzudenken, die mit Skalierung verbunden sind, z.B. ob die Aquaponik mit ihrem geringen Einfluss auf den Wasser- und Stickstoffverbrauch ein rentables Geschäft für mittelständische Unternehmen oder eine kommerzielle Massenlösung sein kann.

Das „Hereinzoomen“ und „Herauszoomen“ (manchmal mit der technischen Unterstützung von Google Earth) half den Studenten dabei, das Ausmaß des industriellen Einflusses auf unseren vom Menschen dominierten Planeten, auf dem die Wirtschaft eine neue geologische Epoche prägt, noch besser zu verstehen. Bemühungen in einer Region können sehr fragil sein, wenn auf anderen Ebenen Akteure fehlen.

Wie viele unserer Gruppen gezeigt haben, ist das „Mikro“ mit dem „Makro“ verbunden, kleine Teile mit großen Ereignissen, unser alltägliches Leben mit dem globalen Bild (globaler Nachhaltigkeit). Man denke nur an die brutalen Folgen der Lebensmittelverschwendung aus ökologischer Sicht: Schätzungen zufolge wird ein enormer Anteil der weltweit produzierten Lebensmittel nicht verbraucht – entsprechend groß ist der Anteil an Wasser, Düngemitteln, Land und CO2-Emissionen, der zum Fenster hinausgeworfen wird. Dieses Problem wird in unseren Städten, wie in einem der Projekte dargestellt, durch das „kosmetische Filtern“, bei dem Verkäufer wie Verbraucher absolut genießbare Lebensmittel aus rein ästhetischen Gründen ausmustern, noch weiter verschärft. Wir müssen unsere kulturellen Muster ändern. Wenn Sie das nächste Mal in einem Restaurant sind, scheuen Sie sich nicht, sich die Reste einpacken zu lassen.

Auch kleine Handlungen bleiben nicht ohne Wirkung auf globaler Ebene. Klar, „Baby-Schritte“, wie eine Gruppe sie nannte, oder „kleine Erfolge“ sind wichtig – in unserem eigenen Zuhause, in unserem eigenen Büro, in unserer eigenen Stadt. Doch ein Gefühl für den Maßstab reicht nicht aus. Was wir brauchen, sind Organisationen und Maßnahmen auf mehreren Ebenen und mit vielen Beteiligten. Diesem Thema, mit dem sich Studenten im Rahmen faszinierender Videoprojekte bereits auseinandergesetzt haben, werden wir uns im nächsten Blogbeitrag widmen.

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Prof. Dr. Jose M. Alcaraz
Über Prof. Dr. Jose M. Alcaraz 11 Artikel
Prof. Dr. Jose Alcaraz promovierte zum Thema "Digitalization of Human Capital Management" und war Direktor mehrerer MBA-Programme in allen Teilen der Welt: an der IESE Business School in seiner Heimatstadt Barcelona, am Raffles Design Institute in Shanghai, an der Dubai University/Leicester University in Dubai, an der Barna Management School in Santo Domingo (Dominikanische Republik), an der Murdoch University in Perth (Australien) sowie an der Munich Business School.Prof. Dr. Alcaraz publiziert regelmäßig in verschiedenen Medien und Peer-Review-Publikationen, darunter in den Fachzeitschriften Academy of Management Learning & Education, German Journal of Human Resource Management, Information and Organization, Organization, Business & Society, Competitive Review etc.Vor seinem Wechsel in den akademischen Bereich hielt Dr. Alcaraz verschiedene Führungspositionen in der Softwareindustrie und arbeitete in Spanien und Lateinamerika eng mit der RBL Group zusammen (einem von Dave Ulrich mitgegründeten Beratungsunternehmen, das in strategischer Personaltransformation, der Entwicklung von Führungsqualitäten und der strategischen Umsetzung führend ist).In seiner Forschung konzentriert er sich auf Management, Nachhaltigkeit und pädagogische Innovation. Seit Kurzem ist Dr. Alcaraz fasziniert von der Kraft der Phantasie, insbesondere der Science Fiction, und ihrer Fähigkeit, uns zu helfen, Trends und zukünftige komplexe sozio-technische Szenarien zu erkennen. In seinem neuesten Forschungsprojekt arbeitet er mit SciFutures zusammen (laut dem Fast Company Magazin "das coolste Unternehmen der Welt") und untersucht, inwiefern Sci-Fi Potenzial hat, Storytelling zu fördern sowie Szenario-Building und Innovation voranzutreiben.
Keary Shandler
Über Keary Shandler
Keary Shandler is a lecturer and researcher at Murdoch University Dubai.