Wirtschaft und „Planetare Grenzen“ (Teil 3): Über die Notwendigkeit mehrstufiger organisatorischer Ansätze

MBS Planetary Boundaries
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In unserem letzten Blog haben wir uns dafür ausgesprochen, anregende, immersive und handlungsorientierte Ansätze in die Lehre an Business Schools einzuführen. Wir haben gezeigt, dass dies von besonderer Bedeutung ist, um Studierenden die zentralen Probleme globaler Nachhaltigkeit näherzubringen. Dabei haben wir vorgestellt, wie unsere Studenten Amateur-Dokumentarfilme produzieren und sich so mit dem Konzept der Planetaren Grenzen auseinandersetzen (das derzeit wahrscheinlich einflussreichste Konzept zur globalen Nachhaltigkeit). Diese Methode ist ein innovatives Lehrmittel und wird in der Umwelterziehung bereits eingesetzt, nicht jedoch in der betriebswirtschaftlichen Lehre.

Gleichzeitig haben wir das Konzept der Planetaren Grenzen umrissen: Es führt uns vor Augen, dass das Klima nur eines von insgesamt neun globalen Erdsystemen ist, die auf keinen Fall weiter gefährdet werden dürfen. Neben dieser (Klima-)Grenze betont das Modell, wie wichtig es ist, dass wir Menschen mit unseren Ozeanen (Stichwort: zunehmende Übersäuerung) ebenso wachsam umgehen wie mit der Ozonschicht, der Biodiversität, den biogeochemischen Kreisläufen (Stichwort. Stickstoff- und Phosphorausstoß), den ständig neuen Chemikalien, die wir entwickeln, der Aerosolbelastung, dem globalen Süßwasserverbrauch und der Veränderung der Landsysteme.

Zentrale Umweltprobleme erkennen

Die zehnminütigen Amateur-Dokumentarfilme, die unsere Studenten in München und anderen Städten als integralen Bestandteil ihrer Kursarbeit gedreht haben, hatten zum Ziel, dass die Studenten zentrale Umweltprobleme vor ihrer eigenen Haustür dokumentieren und dabei die Zusammenhänge von Industrie und planetaren Grenzen zeigen. Die Studenten mussten Probleme erkennen und erforschen, die sie für wirklich relevant hielten. Aus unserer Sicht erleichtert die gewonnene Gesamterfahrung es den Studenten, die organisatorische Komplexität zu verstehen, die mit großen Herausforderungen auf mehreren Ebenen einhergeht.

Die Filmaufnahmen wurden von den Studierenden für gewöhnlich mit Kommentaren, zusätzlichen Texteinblendungen oder weiterführenden Informationen ergänzt, um zusätzlichen Kontext zu liefern und die dargestellten Probleme mit lokalen, regionalen oder planetarischen Problemen zu verknüpfen. Besonders interessant waren hierbei Berichte bzw. Daten von globalen Organisationen wie z.B. der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation und dem Weltwirtschaftsforum, mit denen sich einige Studenten auseinandersetzten. Interessanterweise nahmen sich gleich mehrere Gruppen an unseren verschiedenen Unterrichtsstandorten Berichte zu zentralen globalen Risiken vor, etwa zur Sicherung der Süßwasserversorgung.

In den Schuhen relevanter Akteure

Grundsätzlich wurden viele unserer Studenten durch ihre Filmarbeit dazu angeregt, sich in die Lage von ihnen gewählter Akteure zu versetzen und verschiedene Rollen einzunehmen. Bei der Untersuchung einer oder mehrerer planetarer Grenzen entwickelten die Studenten Geschichten, in denen sie (hypothetische) Entscheidungsträger aus dem Privatsektor, Akademiker, Umweltschützer, örtliche Strafverfolgungsbehörden, Bauern, Medienjournalisten – sogar auf transnationale Umweltdelikte spezialisierte Gerichte – verkörperten. In Rollenspielen stellten die Studenten einen Querschnitt von Organisationen dar: von einer staatlichen Behörde für Bauplanungsgenehmigungen über ein Bundesministerium für Landwirtschaft bis hin zu einem Verband sozialer Unternehmer und einem lokalen Mediennetzwerk.

MBS Connectivity and Cross-Scale Dynamics

Die Arbeit an den Filmen führte zu weiteren Gesprächen mit Akteuren außerhalb der gewohnten Gesprächskreise der Studierenden, wobei sich viele für den direkten Kontakt mit Spezialisten und Experten entschieden. Unsere Studenten diskutierten lokale, regionale und planetare Fragen mit Fachleuten aus der Wissenschaft (Meeresforscher, Pflanzenbiologen, Klimaforscher und Wasserexperten – unter ihnen auch einer der Begründer des Konzepts der Planetaren Grenzen!), mit Vertretern von Binnengewässer-Schutzverbänden, mit traditionellen Weinkellereien und Bio-Winzern, mit Repräsentanten von Forst- und Wildschutzbehörden und sogar mit einem Bürgermeister.

Die Wirtschaft als Dreh- und Angelpunkt

Bei ihrer Auseinandersetzung mit den zentralen Umweltproblemen im Zusammenhang mit den planetaren Grenzen schlugen die Studenten eine Reihe von Interventionsstrategien vor, die häufig auf der Zusammenarbeit verschiedener Akteure beruhten – in Person verschiedener organisatorischer Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen. Es stellte sich heraus, dass die Wirtschaft Dreh- und Angelpunkt dieser neuen Koalitionen war – unabdingbar erforderlich, um das Zusammenspiel der Interessen und Beweggründe der anderen Akteure zu orchestrieren.

Die Studenten wiesen darauf hin, dass eine Auseinandersetzung mit den planetaren Grenzen eine signifikante Erweiterung von gesetzlichen Bestimmungen und des Rechtsrahmens erforderlich machen würde (z. B. strikte lokale und nationale Gesetze zum Schutz von Korallenriffen, weitere Einschränkungen bei den Rauchemissionen von PKW, Reduzierung von Stickstoff-Einsatz und -Ausstoß, staatenübergreifende Gesetze zum Schutz von internationalen Biodiversitätszonen). Entsprechend enthielten die Filme der Studenten Vorschläge für die Einführung einer strikteren Ordnungspolitik in Form von Geldbußen, für die Erhöhung von Energieeffizienzstandards, beispielsweise gemäß den Empfehlungen der Rainforest Alliance, sowie für die Vergabe „positiver“ Innovationsprämien und von Anerkennungen für besonders umweltfreundliche Leistungen.

In ihren Videos plädierten unsere Studenten dafür, nicht nur mächtige multinationale Konzerne einzubeziehen und ihnen Gehör zu verschaffen (aber auch Verantwortung einzufordern), sondern auch andere Akteure zu integrieren, die häufig unterrepräsentiert sind (wie etwa Heimgewerbe, Kleinbauern, Ältestenräte oder indigene Bevölkerungsgruppen). Industrie- und brancheninterne gemeinsame Aktivitäten wurden generell als dringend notwendige „Verantwortungskollektive“ genannt (z. B. die Vereinigung der australischen, der Tourismusverband von Dubai oder der Rat für Ökologisches Bauen in Singapur).

360-Grad-Lösungen sind erforderlich

Häufig betonten die Studenten die Notwendigkeit, 360-Grad-Lösungen zu erforschen, als Teil einer eher systemorientierten Denkstrategie. Ihr Ansatz war, ein Problemfeld – etwa Lebensmittelabfälle bzw. das Aussortieren nicht perfekt aussehender Lebensmittel – parallel anzugehen: Einerseits mit Bildungsprogrammen von Regierungen und Schulen und andererseits durch einen Paradigmenwechsel von Großhändlern, dem Einzelhandel und den Verbrauchern, ästhetisch nicht perfekte Lebensmittel zu akzeptieren und tatsächlich wertschätzen zu lernen. Durch diese Abhilfemaßnahme ließen sich Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle vermeiden – was möglicherweise die Aufbereitung von Nahrungsmitteln erhöhen und zu positiven Auswirkungen führen könnte, etwa zur Reduzierung des Methanausstoßes durch Fäulnisprozesse auf Deponien; oder dazu, dass weniger Landfläche für Entsorgungsparks benötigt würde und sich auch der Verkehr reduzieren würde, durch weniger Transportfahrten von und zu Entsorgungsanlagen.

Einige der Gruppen schlossen von den Umweltfragen auf eine dringend benötigte verantwortungsbewusste Neuausrichtung von Finanzierung und auf die Rolle von Investoren, Crowdfunding-Kapitalgebern und Business Angels bei Anlageformen, die direkt oder indirekt eine Überschreitung der planetaren Grenzen zur Folge haben könnten. Darüber hinaus wurden auch „kämpferische“ Maßnahmen angeführt, was man vielleicht von Studenten an Business Schools weniger gewohnt ist (werden sie doch – laut einem kritischen Wissenschaftler – häufig als die „Cheerleader der großen Multis“ bezeichnet). Aktivisteneinsatz, Umweltkampagnen (beispielsweise zur Rettung des heimischen Flusses) und Boykottmaßnahmen (z. B. für Produkte mit Palmöl) werden als effektive Methoden gesehen, um auf Regierungen und Unternehmen Druck auszuüben, damit diese Maßnahmen ergreifen, durch die ihre Aktivitäten innerhalb des Rahmens der planetaren Grenzen gehalten werden.

Handeln auf verschiedenen Ebenen

In ihren Filmen betonten die Studenten häufig die komplexe, mehrdimensionale Gestalt aktueller Umweltprobleme und verwiesen auf die Notwendigkeit von Partnerschaften und Koalitionen der verschiedenen Akteure. Diese wurden generell als entscheidend befunden und entsprechen letztlich dem, was Porter und Kramer als nicht-traditionelle Cluster für lokale Entwicklung beschreiben. Die Notwendigkeit, derartige Partnerschaften verschiedener Akteure einzurichten oder aufzubauen, war Thema bei vielen Umweltproblemen innerhalb des Konzepts der planetaren Grenzen (z. B. Partnerschaften für ökologische Bildung zum Schutz von Zuchtgebieten für Korallenriffe und von Biodiversität als Antwort auf grundlegende Fragen, die verschiedenen Akteuren aus Fischerei und Tourismus gemein sind). Viele dieser Organisationsstrukturen sind auf städtischer Ebene angesiedelt (z. B. Innovations-Cluster für ökologisches Bauen, Kooperationen von städtischen Institutionen mit der Industrie und „Smart Cities“). Nach Ansicht der Studenten liefern das Emirat Dubai und auch der Stadtstaat Singapur (letzterer mit Beteiligten wie dem Wirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung mit ihren zahlreichen „Master-Plänen und Richtlinien für Entwicklung“) interessante Beispiele für proaktive, ganzheitliche Anstrengungen eines „Nationalstaates“. Deren nicht immer an demokratische Verfahrensregeln gebundene Reichweite und Durchsetzungsmöglichkeiten stellen innovative Erfahrungen dar (die gewissermaßen als „Geo-Engineering“ im Miniaturformat beschrieben werden könnten).

MBS Planetary Boundaries

Formelle und informelle transnationale Zusammenschlüsse von Organisationen – mit der Wirtschaft als führendes Mitglied – wurden als dringend benötigte Organisationsstrukturen beschrieben. Anschaulich aufgezeigt wurde dies beispielsweise in einem Video über das immer wieder auftretende Problem von Smog und Luftverschmutzung in Singapur und seinen Nachbarländern (die durch Staub und Rauchpartikel entstehende Luftverschmutzung verdichtet sich, schränkt die Sichtweite ein und führt zu beträchtlichen Nachteilen für die Ökonomie und die Gesundheit von Mensch und Tier). Diese Probleme lassen sich gemäß Ewing auf durch Brandrodung ausgelöste Wald- und Buschbrände in Indonesien, Sumatra und Borneo zurückführen; die Probleme werden weiter verschärft durch wirtschaftliche Interessen und die wachsenden internationalen Märkte für Produkte wie Palmöl und Gummi. Die Rolle vieler Regierungen, Industriesektoren, Ausbildungsinstitute, NGOs, Kleinbauern und multinationalen Konzerne wurde als Beispiel dafür gesehen, wo neue Organisationsstrukturen auf verschiedenen Ebenen dringlich notwendig sind.

Viele der von den Studenten in ihren Filmen genannten (transnationalen, globalen und ihrem Wesen nach „kosmopolitischen“) Organisationsstrukturen scheinen idealistische Vorschläge zu sein (vor allem angesichts des in jüngster Zeit in den USA und in Großbritannien zu beobachtenden Anstiegs nationalistischer und isolationistischer Bestrebungen). Dennoch – dies unterstrich das futuristische Science-Fiction-Video einer unserer Gruppen – könnten diese Erzählungen und die fantasievoll (vielleicht sogar sinnvoll) konstruierten Plattformen sich als Vehikel erweisen, mit denen sich neue, untereinander kooperierende Organisationsstrukturen über mehrere Ebenen schaffen lassen. Diese sind dringend notwendig, um keine weiteren planetaren Grenzen zu überschreiten. Wir hoffen, durch Studienaufgaben wie die von unseren Studenten geschaffenen Filmarbeiten kleine, aber gewichtige Beiträge leisten zu können – an der MBS und in der ganzen Welt.

weiter zu Teil 4: Überlegungen zum Thema Wirtschaftsethik

Prof. Dr. Jose M. Alcaraz
Über Prof. Dr. Jose M. Alcaraz 11 Artikel
Prof. Dr. Jose Alcaraz promovierte zum Thema "Digitalization of Human Capital Management" und war Direktor mehrerer MBA-Programme in allen Teilen der Welt: an der IESE Business School in seiner Heimatstadt Barcelona, am Raffles Design Institute in Shanghai, an der Dubai University/Leicester University in Dubai, an der Barna Management School in Santo Domingo (Dominikanische Republik), an der Murdoch University in Perth (Australien) sowie an der Munich Business School.Prof. Dr. Alcaraz publiziert regelmäßig in verschiedenen Medien und Peer-Review-Publikationen, darunter in den Fachzeitschriften Academy of Management Learning & Education, German Journal of Human Resource Management, Information and Organization, Organization, Business & Society, Competitive Review etc.Vor seinem Wechsel in den akademischen Bereich hielt Dr. Alcaraz verschiedene Führungspositionen in der Softwareindustrie und arbeitete in Spanien und Lateinamerika eng mit der RBL Group zusammen (einem von Dave Ulrich mitgegründeten Beratungsunternehmen, das in strategischer Personaltransformation, der Entwicklung von Führungsqualitäten und der strategischen Umsetzung führend ist).In seiner Forschung konzentriert er sich auf Management, Nachhaltigkeit und pädagogische Innovation. Seit Kurzem ist Dr. Alcaraz fasziniert von der Kraft der Phantasie, insbesondere der Science Fiction, und ihrer Fähigkeit, uns zu helfen, Trends und zukünftige komplexe sozio-technische Szenarien zu erkennen. In seinem neuesten Forschungsprojekt arbeitet er mit SciFutures zusammen (laut dem Fast Company Magazin "das coolste Unternehmen der Welt") und untersucht, inwiefern Sci-Fi Potenzial hat, Storytelling zu fördern sowie Szenario-Building und Innovation voranzutreiben.
Keary Shandler
Über Keary Shandler
Keary Shandler is a lecturer and researcher at Murdoch University Dubai.