Wirtschaft und „Planetare Grenzen“(Teil 5): Interagierende Grenzen, interagierende Risiken

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In diesem, dem letzten Teil unserer Blog-Reihe über Wirtschaft und globale Nachhaltigkeit, möchten wir den interaktiven Charakter der planetaren Grenzen genauer unter die Lupe nehmen. Da Unternehmen Teil einer Lösung sein müssen, ist es wichtig, die Risiken über den Klimawandel hinaus zu verstehen. Wie Johan Rockstrom und sein Team erklärten, sind die Biodiversität, der Stickstoffausstoß, die Wasser- und Landnutzung, die Ozonschicht etc. biophysikalische Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen. In unseren MBA-Kursen in München, Australien und andernorts haben unsere Studenten mit Amateur-Dokumentarfilmen vor Ort experimentiert und sich intensiv mit diesen Themen beschäftigt.

Das Konzept der planetaren Grenzen bietet eine unkonventionelle Perspektive, um die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft darzustellen. Unkonventionell in dem Sinne, dass das Konzept nach unserem Kenntnisstand an Business Schools bislang nicht eingesetzt wurde; es ist aber zweifellos ein Konzept, das zunehmend im Zentrum der globalen Nachhaltigkeitsdebatte steht. Nicht unerwartet waren auch unsere Studierenden noch nie zuvor damit in Berührung gekommen (das trifft allerdings auf die meisten Menschen zu, die nicht zur Leserschaft von „Nature and Science“ gehören), obwohl die Diskussion darüber mehr und mehr auch außerhalb des wissenschaftlichen Dialogs stattfindet.

Sind wir im richtigen Klassenzimmer?

Zweifellos waren viele unserer Studierenden erstaunt über die wissenschaftliche Inferenz und fragten sich, ob sie sich tatsächlich im richtigen Klassenzimmer befanden. Unsere Einführung in das Thema hatte nicht das Ziel, sie zu Umweltschützern oder Sozialwissenschaftlern zu machen, sondern zu zeigen, dass das Konzept der planetaren Grenzen ein probates Mittel sein kann, um die Auswirkungen menschlichen Handelns (und vor allem der Wirtschaft) auf den aktuellen Zustand unseres globalen Ökosystems zu betrachten. Genauer gesagt, dieses Konzept ermöglicht es uns zu zeigen, wie die menschliche (und durchaus auch die ökonomische) Entwicklung ein „Resilienzdenken“ erforderlich gemacht hat – ein grundlegendes Umdenken in der Frage, wie unternehmerische Entscheidungen unsere Ökosysteme beeinflussen.

Gewisses Unbehagen empfanden die Studierenden auch dabei, in Gruppenarbeit ihr eigenes zehnminütiges Video zu erstellen; mithilfe eines Werkzeugs, das sie schon in der Hand halten: mit ihrem Smartphone. Sie sollten auf künstlerische Weise die Zusammenhänge von Industrie und (ein oder zwei) planetaren Grenzen untersuchen. Während die Studierenden also in ihrem Lebensumfeld nach Themen für ihre Videos suchten, stießen sie schnell auf die nächste Herausforderung: Es war gar nicht so einfach, sich nur auf ein bis zwei planetare Grenzen zu beschränken, denn meist gab es einen Zusammenhang und Wechselwirkungen mit weiteren Grenzen. Große Stadtentwicklungsprojekte, mit großflächiger Landnutzung bzw. -veränderung, führten beispielsweise häufig auch zu Entwaldung und Verlust von Biodiversität.

Der Klimawandel kennt keine Grenzen

Die meisten Gruppen beschäftigten sich mit dem Thema Klimawandel. Das ist nicht überraschend, schließlich ist der Begriff uns allen vertraut, auch wenn wir vielleicht zu wenig darüber wissen, was er tatsächlich alles mit sich bringt. Obwohl in den unzähligen Videos alle planetaren Grenzen thematisiert wurden, war der Klimawandel die vorherrschende „Story“. Eine weniger vorhersehbare Erkenntnis für viele Studierende, an vier Business Schools in drei verschiedenen Städten, war, dass diese „Grenze“ in Wirklichkeit keine „Grenzen“ hat und dass ihr sozial-ökologischer Einfluss weitreichend ist.

Die Erforschung des Klimawandels in einem wirtschaftlichen Kontext ermutigte die Studierenden, zunächst ökonomische Faktoren zu untersuchen und sich dabei auf die Risikobewertung zu konzentrieren, z. B. auf solche Risiken, die durch nichtsaisonale Wetterereignisse wie Überschwemmungen durch starke Regenfälle verursacht werden. Genaue Bewertungen wurden schnell sehr kompliziert, als die Studierenden bemerkten, dass verschiedene Effekte sich direkt oder indirekt beeinflussen und es mitunter zu mehrfachen Übertragungseffekten kommt. Von der Komplexität einmal ganz abgesehen stellten die Studierenden einen starken Zusammenhang zwischen der planetaren Grenze des Klimawandels und der finanziellen Stabilität der globalen Wirtschaft fest. Dabei wurde klar, dass kein Teil der Welt immun oder unberührt vom Klimawandel ist.

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Vom Polarkreis bis nach Australien

Ein hervorragendes Beispiel für das grenzenlose Ausmaß des Klimawandels war die Aufzeichnung einer Freizeitexpedition eines Studenten in die abgeschiedenen Regionen des nördlichen Polarkreises. Hier zeigte sich, dass die traditionellen Lebensgrundlagen der dort lebenden Sami-Völker aufgrund des zunehmenden „Verschwindens“ der Jahreszeiten, die früher sehr ausgeprägt waren, eine erhebliche Anpassung an die neuen Umstände notwendig machen. Bei einem zwanglosen Gespräch am Küchentisch mit einem einheimischen Reiseführer erfuhr er, dass, wo früher Seen und Flüsse im Winter leicht überquert werden konnten, das Eis heute schwächer und dünner ist, was beim Reisen zu Problemen und Risiken führt.

Zudem haben steigende Durchschnittstemperaturen den Wachstumszyklus von Pflanzen, die Tieren als Nahrungsquelle dienen, negativ beeinflusst (z. B. Flechten); die Tiere sind nun gezwungen, weiter nach Norden zu wandern, auf der Suche nach Vegetation, die bei niedrigeren Temperaturen wächst. Die wärmeren Temperaturen haben auch zu direkten gesellschaftlichen Veränderungen geführt, z. B. bei der Rentierzucht oder bei Jagden, die mit kulturellen Festen zusammenfallen. Es ist klar, dass die Sami-Völker anfällig für die zunehmende Volatilität der Natur sind; denn die Natur war stets ihr wichtigster Verbündeter und hat immer für sie gesorgt. Die zunehmende Abhängigkeit vom Tourismus übt nun Druck auf ihr Verhältnis zur heimischen Tierwelt aus, die heute eingezäunt und für Touristen bequem als Attraktion in einem „Streichelzoo“ präsentiert wird, anstatt dass man sie in ihrer natürlichen Umgebung bestaunen kann.

Zusätzlich zu Erkenntnissen aus solchen Erzählungen erhalten wir in den Videos weitere überzeugende Informationen zu den Folgen des Klimawandels. Donnernde Wasserströme (ausgelöst von der Eisschmelze im frühen Frühling) in einem Panorama der „Ruhe“ sind ein Beispiel für die Sorte Erlebnis, das Touristen suchen, die die Beschaulichkeit der Wildnis erfahren wollen. Ironischerweise wird diese „ursprüngliche Ruhe“ häufig unterbrochen vom störenden Lärm, der von modernen Maschinen – wie Schneemobilen und Eisbohrmaschinen – ausgestoßen wird. Hier wird klar, dass es auf der Erde keinen Ort gibt, der nicht vom Menschen unberührt ist. Neben dem Klimawandel hat sich die Unfähigkeit der Sami, ihr „natürliches Kapital“ aufgrund unkontrollierbarer äußerer Einflüsse zu bewirtschaften, direkt auf eine weitere planetare Grenze ausgewirkt: auf die Veränderung der Landnutzung. Solche Szenarien gaben den Studierenden aus erster Hand Einblicke in die Zusammenhänge (und Risiken) der planetaren Grenzen.

Die Erkenntnis der Wechselbeziehung mit anderen wichtigen Erdsystemen wie der biochemischen Verschmutzung (durch Stickstoff- und Phosphorausstoß) und dem Verlust biologischer Vielfalt waren ebenfalls wichtige Themen, die in unseren Studentenvideos behandelt wurden. Diese Probleme wurden eng mit menschlichen Aktivitäten wie der rasanten Urbanisierung (oder Suburbanisierung) und dem exponentiellen Bevölkerungswachstum in Verbindung gebracht. Das Überschreiten dieser Grenzen und die damit verbundenen Auswirkungen begannen oft mit Ahnungen der Studierenden. Auf der Ebene des Einzelnen erforschten die Studierenden alltägliche Verhaltensweisen und Erwartungen, wie z. B. die Verfügbarkeit von sauberem Wasser aus dem Wasserhahn und die Bereitstellung von Wasser zur Befüllung unserer Swimmingpools im Garten. Dies wurde dem Frischwasserverbauch durch die Industrie gegenübergestellt, wobei eine Gruppe Australien als das Land mit dem zwölftgrößten „Water Footprint“ der Welt identifizierte, was in erster Linie auf die riesige Bergbauindustrie zurückzuführen ist. Häufig hat dieses neu gewonnene Wissen zu weiteren Diskussionen geführt, etwa darüber, was Wohlstand ausmacht (Jackson, 2009) und wie wir oft leichtfertig mit einer kostbaren Ressource umgehen, ohne Rücksicht darauf, woher sie kommt.

Lokale Erkenntnisse – weitreichende Folgen

Oft ließen sich lokal gewonnene Erkenntnisse auf einen größeren Bereich ausweiten. Eine Gruppe beschäftigte sich beispielsweise mit der Frage, welche weitreichenderen Auswirkungen die landwirtschaftlichen Praktiken lokaler Weinbauern haben, nämlich oft verheerende chemische Verschmutzung. Der übermäßige Ausstoß von Stickstoff und Phosphor in die Meeressysteme wurde als Hauptursache für den schlechten Zustand von über 85 % des Swan River in Westaustralien angesehen. Als einer der Gründe wurden die Praktiken der landwirtschaftlichen Großbetriebe identifiziert, in Kombination mit der Rodung einheimischer Pflanzen und Bäume an den Uferböschungen (um Platz für Stadtentwicklung oder landwirtschaftliche Bodennutzung zu schaffen) ist es zu einem Dominoeffekt gekommen. Diese lokalen Ereignisse hatten Auswirkungen auf das regionale Flusssystem, was wiederum noch größere Küstenökosysteme wie das Great Barrier Reef beeinflusst hat.

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Einige Gruppen beschäftigten sich mit der Weinindustrie in Westaustralien und den negativen Einflüssen von Phosphor und Stickstoff, die über Jahrzehnte in das Wassersystem gelangt sind, und stellten im Gespräch mit Wissenschaftlern der Regierung fest, dass „selbst wenn diese Praxis heute gestoppt würde, es noch Jahrzehnte dauern würde, bis sich positive Ergebnisse bemerkbar machten“.

Weniger häufig – aber ebenso bedeutsam – kam es zu umgekehrten Erkenntnissen, z.B. bei der Frage, wie planetare Veränderungen wie der Abbau des stratosphärischen Ozons direkten Einfluss auf das alltägliche Leben und die Wirtschaft haben. Der Blick auf das große Ganze und dann auf das Konkrete, also das, was die Studierenden tatsächlich „sehen und anfassen“ konnten, ermöglichte einen interessanten und einzigartigen Storytelling-Ansatz, der darauf hindeutet, dass die Studierenden ihre eigene Umgebung als sehr eng mit dem „globalen Bürgertum“ verbunden sehen.

Verantwortungsbewusste, innovative Manager und Unternehmer sind in einer exzellenten Position, um die Welt in Richtung globale Nachhaltigkeit zu führen oder diesen Prozess zumindest positiv zu beeinflussen. Ein (Grund-)Verständnis der planetaren Grenzen und ihrer Wechselwirkungen – und der damit verbundenen Risiken – ist ein guter Ausgangspunkt. Wir hoffen, dass die Lernerfahrungen aus unseren Kursen und Seminaren dazu beitragen werden. Die Wirkung, die wir bei unseren MBA-Studenten sehen, ist jedenfalls ein ermutigendes Zeichen.

Prof. Dr. Jose M. Alcaraz
Über Prof. Dr. Jose M. Alcaraz 10 Artikel
Prof. Dr. Jose M. Alcaraz ist Faculty & Academic Director an der Berlin School of Creative Leadership und (Teilzeit-)Professor an der Munich Business School, wo er von 2017 bis 2018 Studiengangsleiter des Full-Time-Programms MBA General Management war.Dr. Alcaraz promovierte mit dem Thema Digitalization of Human Capital Management und blickt auf eine langjährige akademische Karriere zurück: er war an der IESE Business School (in seiner Heimatstadt Barcelona) tätig, am Raffles Design Institute (Shanghai), an der University of Dubai und der Leicester University (Dubai), an der Barna Management School (Santo Domingo; dort leitete er den VICINI Industry Endowed Chair of Sustainability) und an der Murdoch University (Perth). In seiner Forschung konzentriert er sich auf die Themen Leadership, Kreativität, Nachhaltigkeit und innovative pädagogische Methoden.Prof. Dr. Alcaraz publiziert regelmäßig in verschiedenen Medien und Peer-Review-Publikationen, darunter in den Fachzeitschriften Academy of Management Learning & Education, German Journal of Human Resource Management, Information and Organization, Organization, Business & Society und The International Journal of Human Resource Management.Vor seinem Wechsel in den akademischen Bereich hielt Dr. Alcaraz verschiedene Führungs- und HR-Positionen in der Softwareindustrie und arbeitete in Spanien und Lateinamerika eng mit der RBL Group zusammen (einem Beratungsunternehmen, das von Dave Ulrich mitbegründet wurde und führend ist in strategischer Personaltransformation, der Entwicklung von Führungsqualitäten und der strategischen Umsetzung).
Keary Shandler
Über Keary Shandler
Keary Shandler is a lecturer and researcher at Murdoch University Dubai.