{"id":3376,"date":"2016-04-01T17:17:48","date_gmt":"2016-04-01T15:17:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/?p=3376"},"modified":"2016-05-04T00:12:14","modified_gmt":"2016-05-03T22:12:14","slug":"deutschland-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2016\/deutschland-eu\/","title":{"rendered":"Konsequenzen einer deutschen F\u00fchrungsrolle in der EU"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Rahmen des DBA-Programms fand an der MBS das Doktorandenseminar &#8222;Europe and the World&#8220; statt. Hochaktuelle Themen rund um die Europ\u00e4ische Union waren dabei Gegenstand einer wissenschaftlichen, m\u00f6glichst faktenbasierten Untersuchung anstehender Herausforderungen. Eines der Themen, mit denen sich die Doktorand(inn)en besch\u00e4ftigten, war das einer m\u00f6glichen F\u00fchrungsrolle Deutschlands in der EU. <\/em><\/p>\n<p>Die EU ist seit der Nachkriegszeit in einem langwierigen Prozess als ein staaten\u00e4hnliches Gebilde geformt worden, in dem selbst\u00e4ndige Nationalstaaten eigene Kompetenzen an supranationale Institutionen abgegeben haben: an die die Europ\u00e4ische Kommission, das Europ\u00e4ische Parlament, den Europ\u00e4ischen Gerichtshof. Ziel war zun\u00e4chst ein Sicherheitsgewinn f\u00fcr Europa, indem zur Kriegsf\u00fchrung notwendige Ressourcen (Kohle, Stahl, Atomenergie) unter gemeinsame Verwaltung europ\u00e4ischer Staaten gestellt wurden. Schlie\u00dflich wurden wirtschaftliche und politische Vorteile durch weitergehende Integrationsschritte erreicht (EWG, EWS, EU).<\/p>\n<p>Die Mitgliedstaaten haben sich in verschiedenen Vertr\u00e4gen, zuletzt in Lissabon im Jahr 2009, auf die Zust\u00e4ndigkeit der EU f\u00fcr die Zollunion, die Wettbewerbspolitik f\u00fcr den Binnenmarkt mit seinen vier Grundfreiheiten f\u00fcr Personen, G\u00fcter, Dienstleistungen und Kapital, und eine gemeinsame Handelspolitik geeinigt und sich zur weiteren Integration innerhalb der Union verpflichtet.<\/p>\n<p><strong>Die EU als Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion <\/strong><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich wurde mit dem Vertrag von Maastricht von 1992 eine Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion beschlossen, in der allerdings von den 28 EU-Mitgliedern bislang nur 19 L\u00e4nder an der gemeinsamen W\u00e4hrung teilnehmen: Gro\u00dfbritannien und D\u00e4nemark haben f\u00fcr die Nichtteilnahme optiert, die \u00fcbrigen Staaten streben die Teilnahme an.<\/p>\n<p>In der Wirtschaftsunion haben sich die 28 Staaten darauf geeinigt, ihre Steuer- und Finanzpolitik zu koordinieren. Weitere \u00dcbereink\u00fcnfte \u00fcber gemeinsames Vorgehen existieren schon seit fr\u00fcheren Vertr\u00e4gen, z. B. zur gemeinsamen Agrar- und Strukturpolitik, der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik und zu weiteren Themen.<\/p>\n<p>Dabei haben sich die Nationalstaaten wesentliche Einfl\u00fcsse vorbehalten. Im Europ\u00e4ischen Rat legen die europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs, meist im Konsens bzw. einstimmig, die Leitlinien der EU fest. Auch in der Gesetzgebung der EU sind die nationalen Regierungen nicht zu umgehen.<\/p>\n<p>Der Ministerrat der EU, in dem je nach Gegenstand die nationalen Fachminister abstimmen, muss mit dem Parlament gemeinsam Gesetze verabschieden. Die Europ\u00e4ische Kommission dagegen hat bei weitem nicht die Kompetenzen einer nationalen Regierung, vor allem keine Sanktionsgewalt auf dem Gebiet eines Mitgliedsstaates.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich beraten innerhalb der sogenannten Eurogruppe die Finanzminister der Mitgliedstaaten mit gemeinsamer W\u00e4hrung. Das Gewicht der zwischenstaatlichen Gremien ist noch deutlich h\u00f6her als das der supranationalen Union.<\/p>\n<p><strong>Braucht die EU F\u00fchrung? <\/strong><\/p>\n<p>In der Bek\u00e4mpfung der Finanzkrise wurden wesentliche Entscheidungen so getroffen, wie sie von Deutschland zur Bedingung gemacht worden waren. Das Land hat als wirtschaftlich st\u00e4rkster Mitgliedstaat eine Vorreiterrolle \u00fcbernommen und ausgef\u00fcllt. In der Folgezeit gab es verschiedenste Anl\u00e4sse, eine Ausweitung dieser F\u00fchrungsrolle praktisch vorzunehmen: In der Libyen-Krise hielt Deutschland sich zur\u00fcck und wurde daf\u00fcr harsch kritisiert, in der Ukrainekrise dagegen \u00fcbt Deutschland seinen Einfluss nachhaltig aus. In der Fl\u00fcchtlingskrise wollte die deutsche Regierung beispielhaft handeln, hat aber bislang kaum Nachahmung erreicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3378 size-large\" src=\"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-1024x768.jpg\" alt=\"MBS-Germany-EU\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-267x200.jpg 267w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-326x245.jpg 326w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU.jpg 1152w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Besonders die Tatsache, dass nationale Regierungen sich \u00fcber Regeln der EU und gemeinsame Beschl\u00fcsse der Staats- und Regierungschefs immer wieder hinwegsetzen, macht die \u00dcberlegungen \u00fcber eine F\u00fchrungsmacht in der EU plausibel. Zus\u00e4tzlich existieren zwischen den Institutionen der EU diverse Kompetenzstreitigkeiten und unklare Rollenverteilungen, die Handlungsbedarf in der inneren Organisation und Zusammenarbeit schaffen.<\/p>\n<p><strong>Warum Deutschland? <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fchren unter L\u00e4ndern bedeutet Machtaus\u00fcbung, das Auftreten als Hegemon. Macht wiederum erfordert Ressourcen, klare Ziele zur Gestaltung und den Willen zur Durchsetzung. Deutschland hat sich in den 70 Jahren nach dem 2. Weltkrieg eine hohe Reputation in der Welt erarbeitet, eine nicht gering zu sch\u00e4tzende Soft Power.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich \u00fcbt es als bev\u00f6lkerungsreichster und wirtschaftlich st\u00e4rkster Mitgliedstaat der Union eine geh\u00f6rige Anziehungskraft aus und hat auch das Potenzial zur Anwendung von milit\u00e4rischem Druck. Es ist innerhalb der EU das Land in der Mitte, das Land mit den meisten Nachbarn \u2013 und es hat in den vielen Jahren des europ\u00e4ischen Zusammenwachsens oft eigene Interessen zur\u00fcckgestellt, um die immer engere Union der Mitgliedstaaten voran zu bringen.<\/p>\n<p>Dabei haben die verschiedenen deutschen Regierungen immer \u00e4u\u00dfersten Wert auf enge Zusammenarbeit mit Frankreich gelegt. Ein starkes Deutschland mit ausgepr\u00e4gtem Willen zur Durchsetzung seiner Vorstellungen w\u00e4re von Europa kaum als Hegemon zu akzeptieren.<\/p>\n<p><strong>Welche Konsequenzen h\u00e4tte eine deutsche F\u00fchrungsrolle? <\/strong><\/p>\n<p>Die Doktorand(inn)en sahen nat\u00fcrlich den Vorteil, dass europ\u00e4ische Entscheidungsprozesse deutlich beschleunigt werden k\u00f6nnten. Europa spr\u00e4che nach au\u00dfen \u00f6fter mit einer Stimme, k\u00f6nnte zu einheitlicherem Auftreten nach au\u00dfen gef\u00fchrt werden. Dadurch w\u00fcrde die EU st\u00e4rker wirken und w\u00e4re als Partner und als Kontrahent berechenbarer, beispielsweise f\u00fcr die Vereinigten Staaten, Russland oder China.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnten &#8222;Rezepte&#8220; einer deutschen F\u00fchrungsmacht auf andere Mitgliedstaaten unvertr\u00e4glich wirken (Sparpolitik, Agenda 2010), sollten sie unver\u00e4ndert EU-weit angewendet werden. Das k\u00f6nnte durchaus Zentrifugalkr\u00e4fte ausl\u00f6sen, die die Identifikation mit der EU zur\u00fcckgehen lie\u00dfen, mehr Mitgliedstaaten k\u00f6nnten \u00fcber den Austritt aus der Union nachdenken.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen Europas mit zwei Weltkriegen und den Verbrechen der Nazizeit bedeuten unter anderem, dass Deutschlands Verhalten noch lange nicht unvoreingenommen betrachtet wird. Es ist ein Leichtes f\u00fcr nationale Politiker, in der innenpolitischen Auseinandersetzung mit antideutschen Ressentiments zu spielen: Schnell wird Angela Merkel in der europ\u00e4ischen Presse in Wehrmachts- oder SS-Uniform abgebildet. Das Handeln einer Vormacht wird immer kritisch betrachtet, im deutschen Fall w\u00e4re das Misstrauen vieler Nachbarl\u00e4nder besonders gro\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.newstatesman.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"attachment wp-att-3380\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3380\" src=\"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-3-150x200.jpg\" alt=\"MBS-Germany-EU-3\" width=\"450\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-3-150x200.jpg 150w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-3-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-3-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/MBS-Germany-EU-3.jpg 864w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die wirtschaftlichen Folgen f\u00fcr eine F\u00fchrungsmacht Deutschland wurden von den DBA-Studenten, zumindest kurzfristig, deutlich negativ beurteilt. Gegen\u00fcber einem vielerorts mit Misstrauen betrachteten politischen F\u00fchrungsanspruch der deutschen Republik w\u00fcrde ein gr\u00f6\u00dferes finanzielles Engagement wohl eher bef\u00fcrwortet und auch eingefordert.<\/p>\n<p>Eine einheitlichere Wachstums- und Koh\u00e4sionspolitik erfordert letztlich auch steigende Investitionen. Am leichtesten t\u00e4te sich bei der Finanzierung solcher Investitionen der Hegemon mit der &#8222;schwarzen Null&#8220; im Bundeshaushalt. Die Position als gr\u00f6\u00dfter Nettozahler in der Union w\u00fcrde wohl ausgebaut werden.<\/p>\n<p>Auch Haftungserweiterungen durch ein europaweites Einlagensicherungssystem oder die Emission sogenannter Eurobonds k\u00f6nnten nicht ausgeschlossen sein. Da eine deutsche F\u00fchrungsrolle in Europa auch internationale Verpflichtungen nach sich z\u00f6ge, w\u00fcrde die St\u00e4rkung der deutschen Milit\u00e4rkr\u00e4fte notwendig. Wie j\u00fcngst vernommen werden konnte, beansprucht Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen f\u00fcr die n\u00e4chsten 15 Jahre insgesamt 130 Mrd. Euro zus\u00e4tzlich f\u00fcr den Verteidigungshaushalt.<\/p>\n<p>Dabei wurde nicht \u00fcbersehen, dass die Wirtschaftsmacht Deutschland eine durchaus fragile Position innehat. Das hiesige Bruttoinlandsprodukt beruht zu weit \u00fcber 40 Prozent auf dem Export, von dem nur etwa 50 Prozent mit den EU-L\u00e4ndern abgewickelt werden. Wie es infolge der Finanzkrise bereits zu sehen war, kann es bei Verwerfungen in der Weltwirtschaft oder bei einzelnen wichtigen Wirtschaftspartnern schnell zu gravierenden Wachstumseinbr\u00fcchen kommen.<\/p>\n<p>Durch die intensive wirtschaftliche Verflechtung der EU-L\u00e4nder w\u00fcrde ein Schw\u00e4cheln des Hegemons auch negativ auf die restliche EU abstrahlen. Momentan \u00fcbt die die gute deutsche Wirtschaftslage, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, noch eine starke Sogwirkung aus. Eine deutsche Rezession aufgrund von Exportr\u00fcckgang w\u00fcrde schnell auch die Importe aus der EU einbrechen und die gesamteurop\u00e4ische Arbeitslosigkeit anwachsen lassen.<\/p>\n<p><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p>Ein Fazit im Doktorandenseminar lautete, dass die EU von der Annahme einer st\u00e4rkeren F\u00fchrungsverantwortung in Europa durchaus profitieren k\u00f6nnte. Vor allem der finanzielle Einsatz f\u00fcr gemeinsame Politik w\u00fcrde steigen und ein geschlosseneres Auftreten nach au\u00dfen d\u00fcrfte der Durchsetzung gemeinsamer Interessen f\u00f6rderlich sein.<\/p>\n<p>Auf Deutschland selbst w\u00fcrden sp\u00fcrbare zus\u00e4tzliche Belastungen zukommen. Auch k\u00f6nnte das Ansehen der Deutschen in Europa leiden. Eine sorgf\u00e4ltige Abstimmung des deutschen Handelns mit Frankreich w\u00e4re deshalb anzuraten. Eine Alternative zur \u00dcbernahme von mehr F\u00fchrung durch Deutschland zeichnet sich dagegen nicht ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a9 Abbildung A. Merkel: <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ische Komission\u00a0<\/a><br \/>\n\u00a9 Abbildung Cover NewStatesman: <a href=\"http:\/\/www.newstatesman.com\/\" target=\"_blank\">NewStatesman<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Im Rahmen des DBA-Programms fand an der MBS das Doktorandenseminar &#8222;Europe and the World&#8220; statt. Hochaktuelle Themen rund um die Europ\u00e4ische Union waren dabei Gegenstand einer wissenschaftlichen, m\u00f6glichst faktenbasierten Untersuchung anstehender Herausforderungen. 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