{"id":4410,"date":"2016-07-15T14:18:02","date_gmt":"2016-07-15T12:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/?p=4410"},"modified":"2016-07-15T14:18:02","modified_gmt":"2016-07-15T12:18:02","slug":"das-experiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2016\/das-experiment\/","title":{"rendered":"Das Experiment"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEin Mitarbeiter, der sich eine eint\u00e4gige Auszeit von seinem aktuellen Projekt nimmt, um in dieser Zeit das professionelle Auftreten zu erlernen, erweist sich selbst und dem Unternehmen einen viel gr\u00f6\u00dferen Dienst, als es der Fall w\u00e4re, wenn er 75, 100 oder 150 Dollar pro Tag f\u00fcr McKinsey &amp; Company erwirtschaftete.\u201c<br \/>\n<em>Marvin Bower (1903-2003), ehemals f\u00fchrender Kopf der weltbekannten Unternehmensberatung McKinsey &amp; Company <\/em><\/p>\n<p>Was w\u00e4re, wenn einer der gr\u00f6\u00dften Geigen-Virtuosen der Welt ein Konzert vor \u00fcber eintausend Menschen g\u00e4be \u2013 allerdings in einer Bahnstation? Ohne Ank\u00fcndigung. Unerkannt. Und w\u00e4hrend der Rush-Hour.<\/p>\n<p>Genau diese Frage stellte der US-Journalist Gene Weingarten einem Experten, n\u00e4mlich dem Direktor des National Symphony Orchestra Leonard Slatkin \u2013 und er erhielt folgende Antwort <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>: &#8222;Angenommen, man w\u00fcrde ihn nicht erkennen und einfach f\u00fcr einen x-beliebigen Stra\u00dfenmusiker halten&#8230; ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass man ihn \u00fcbersehen w\u00fcrde&#8230; ich sch\u00e4tze, von 1000 Menschen w\u00fcrden etwa 35 oder 40 seine Qualit\u00e4ten erkennen. Vielleicht w\u00fcrden knapp 75 bis 100 stehen bleiben und eine Weile zuh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Danke, Maestro&#8220;, sagte Gene Weingarten und fuhr fort: &#8222;Tats\u00e4chlich ist das gar keine hypothetische Frage. Es ist tats\u00e4chlich passiert.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und, lag ich richtig?&#8220;, fragte Slatkin neugierig.<\/p>\n<p>&#8222;Das erfahren Sie gleich&#8220;, antwortete der Journalist.<\/p>\n<p>&#8222;Wer war der Musiker?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Joshua Bell.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;NEIN!&#8220;<\/p>\n<p>Oh doch. Just dieses Experiment wurde mit keinem Geringerem durchgef\u00fchrt als mit eben diesem Joshua Bell, der \u2013 erst Ende drei\u00dfig \u2013 im Zuge seiner m\u00e4rchenhaften Karriere schon als &#8222;Wunderknabe&#8220; und &#8222;Genie&#8220;, mitunter auch als &#8222;Gott&#8220; bezeichnet worden war. Bereits mit vier Jahren sollen ihn seine Eltern dabei beobachtet haben, wie er Gummib\u00e4nder an eine Schublade spannte, um darauf Melodien erklingen zu lassen. Mit 17 trat er bereits als Solist in der Carnegie Hall auf, er spielte mit den namhaftesten Orchestern der Welt, etwa dem London Symphony Orchestra, und wurde mit Preisen regelrecht \u00fcberh\u00e4uft, erhielt den Mercury, den Gramophone und den Echo Klassik, einen Grammy und gewisserma\u00dfen sogar einen Oscar: Joshua Bell hatte den Soundtrack zum Film &#8222;Die rote Violine&#8220; eingespielt, der einen Academy Award f\u00fcr die beste Filmmusik gewann.<\/p>\n<p>Nur Stra\u00dfenmusiker, das war Joshua Bell bis zu diesem Januartag im Jahr 2007 noch nie gewesen.<\/p>\n<p>Um kurz vor acht Uhr an jenem kalten Morgen steigt also einer der meist gefeierten Violinisten seiner Generation die Stufen zur L\u2019Enfant Plaza Station in Washington D.C. hinab. Er platziert den Geigenkasten vor seinen F\u00fc\u00dfen und entnimmt ihm seine Fidel, genauer gesagt eine Stradivari, die der ber\u00fchmte Geigenbauer 1713 in seiner &#8222;goldenen Epoche&#8220; angefertigt hatte, ein Instrument im Wert von knapp vier Millionen Dollar. Bell z\u00fcckt den Bogen, nat\u00fcrlich nicht irgendeinen, sondern ein Exemplar aus der Werkstatt des Bogen-Meisters Fran\u00e7ois Tourte aus dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert. Da steht er nun, dieser schlaksige, jungenhafte Mann, getarnt mit einer Baseball-M\u00fctze. Erst drei Tage zuvor hat er die Boston Symphony Hall bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt, bei Ticketpreisen ab 100 Dollar.<\/p>\n<p>Und er setzt an \u2013 zur Chaconne aus Johann Sebastian Bachs Partita Nr. II, f\u00fcr einen Violinisten das Ma\u00df aller Dinge, f\u00fcr den Komponisten Johannes Brahms gar &#8222;eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikst\u00fccke&#8230; eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen. H\u00e4tte ich das St\u00fcck machen, empfangen k\u00f6nnen&#8220;, schrieb Brahms ergriffen, &#8222;ich wei\u00df sicher, die \u00fcbergro\u00dfe Aufregung und Ersch\u00fctterung h\u00e4tten mich verr\u00fcckt gemacht.&#8220;<\/p>\n<p>Ein weltbekannter Violinist setzt also nun mit seiner Stradivari zu diesem epochalen St\u00fcck Musik an.<\/p>\n<p>Was geschieht?<\/p>\n<p>Ach ja, eines vorab noch: Im Vorfeld \u00e4u\u00dferten die Herausgeber der Washington Post gr\u00f6\u00dfte Bedenken hinsichtlich der Sicherheitslage. Sie bef\u00fcrchteten einen tumultartigen Andrang, die Involvierung der Nationalgarde, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen, den Einsatz von Tr\u00e4nengas, Gummigeschossen und so weiter, wahre Schreckensszenarien wurden ausgemalt. Und doch entschied man sich, das riskante Experiment durchzuziehen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich geschieht etwas. Allerdings erst drei Minuten und 63 vorbeilaufende Passanten sp\u00e4ter, und &#8222;geschehen&#8220; ist wohl doch ein wenig hoch gegriffen: Ein Mann mittleren Alters verlangsamt seinen Gang und scheint zu bemerken, dass da jemand musiziert. Na immerhin. Schlie\u00dflich wirft eine Frau einen Dollar in den Geigenkasten, doch sie spurtet sogleich weiter. In den kommenden 43 Minuten bleiben ganze sieben Menschen stehen, stolze 27 werfen Geld in den Koffer \u2013 jedoch ohne auch nur einen Moment lang innezuhalten. Niemand applaudiert.<\/p>\n<p>Ein paar Meter weiter, am Lotto-Kiosk, stehen die ganze Zeit eine Menge Menschen an, von denen sich in der knappen Dreiviertelstunde niemand auch nur in die Richtung der Musik dreht. Die Schuhputzerin, eine temperamentvolle Brasilianerin, die ebenfalls nur ein paar Meter entfernt postiert ist, schimpft derweil \u00fcber den Krach. Wenigstens ruft sie nicht die Polizei, wie sonst. Die Ausbeute: 32 Dollar und 17 Cent (ja, es sind wirklich auch Pennys dabei). Gar nicht \u00fcbel f\u00fcr einen Stra\u00dfenmusiker. Immerhin eine Dame erkennt Bell und wirft verdutzt 20 Dollar in den Geigenkasten (nicht in die Gesamtsumme einberechnet, da sie den Stargeiger ja erkannt hat).<\/p>\n<p>Es gibt sechs Momente, die Bell als besonders peinlich empfindet \u2013 die Sekunden unmittelbar nach Abschluss eines St\u00fccks: kein Applaus, gar nichts. Bell steht einfach bel\u00e4mmert in der Stille herum und beginnt irgendwann mit dem n\u00e4chsten St\u00fcck. &#8222;Es war ein komisches Gef\u00fchl&#8220;, erinnert er sich sp\u00e4ter, &#8222;dass mich die Leute&#8230; na ja&#8230; ignoriert haben. Im Konzerthaus werde ich w\u00fctend, wenn jemand hustet oder wenn ein Handy klingelt&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Einer der besten Geiger der Welt spielt also auf einer Stradivari eines der gr\u00f6\u00dften Meisterwerke aller Zeiten und es passiert so gut wie nichts. Dabei war man zuvor \u00fcberaus zuversichtlich gewesen, dass die Menschen wahre Gr\u00f6\u00dfe erkennen w\u00fcrden, dass der Genius f\u00fcr sich selbst spricht.<\/p>\n<p>Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Kompetenz spricht nicht f\u00fcr sich selbst. Sie k\u00f6nnen die oder der Beste aller Zeiten sein, auf welchem Gebiet auch immer \u2013 und kein Mensch merkt es. Wom\u00f6glich h\u00e4lt man Sie sogar f\u00fcr eine Pfeife. Sie m\u00fcssen Ihre Kompetenz schon zeigen: also Impression Management \u2013 PR in eigener Sache \u2013 betreiben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/lifestyle\/magazine\/pearls-before-breakfast-can-one-of-the-nations-great-musicians-cut-through-the-fog-of-a-dc-rush-hour-lets-find-out\/2014\/09\/23\/8a6d46da-4331-11e4-b47c-f5889e061e5f_story.html\" target=\"_blank\">https:\/\/www.washingtonpost.com\/lifestyle\/magazine\/pearls-before-breakfast-can-one-of-the-nations-great-musicians-cut-through-the-fog-of-a-dc-rush-hour-lets-find-out\/2014\/09\/23\/8a6d46da-4331-11e4-b47c-f5889e061e5f_story.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>\u201eEin Mitarbeiter, der sich eine eint\u00e4gige Auszeit von seinem aktuellen Projekt nimmt, um in dieser Zeit das professionelle Auftreten zu erlernen, erweist sich selbst und dem Unternehmen einen viel gr\u00f6\u00dferen Dienst, als es der 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Jack Nasher stellt seine Forschungsergebnisse regelm\u00e4\u00dfig bei wissenschaftlichen Konferenzen vor und lehrte u.a. an der Oxford University, der Universit\u00e4t Liechtenstein, der TU M\u00fcnchen und an der INSEEC Paris. Seit 2018 lehrt Jack Nasher als Gastdozent im BING Overseas Program der Stanford University. Jack Nasher ist Mitglied der Society of Personality &amp; Social Psychology und Principle Practitioner der Association of Business Psychologists.\",\"sameAs\":[\"http:\/\/www.nasher.de\/\",\"https:\/\/www.facebook.com\/JackNasherOfficial\/\"],\"url\":\"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/author\/jnasher\/\"}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Blog Munich Business School","description":"Blog Munich Business School","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2016\/das-experiment\/","og_locale":"de_DE","og_type":"article","og_title":"Blog Munich Business School","og_description":"Blog Munich Business School","og_url":"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2016\/das-experiment\/","og_site_name":"Munich Business School 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2010 und 2023 den Lehrstuhl f\u00fcr Organisation und Unternehmensf\u00fchrung an der Munich Business School. Nach dem Studium in an der Oxford University und in Frankfurt\/Main, wurde Jack Nasher an der Universit\u00e4t Wien \u00fcber eine wissenschafstheoretische Arbeit promoviert. Professor Nasher ist laut Forbes \u201eeiner der weltweit f\u00fchrenden Verhandlungsberater\u201c und f\u00fchrt das NASHER Verhandlungsinstitut, das regelm\u00e4\u00dfig Trainings und Beratungen f\u00fcr Fortune 500 Unternehmen, Banken und Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaften durchf\u00fchrt. Jack Nashers B\u00fccher standen monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und erschienen u.a. in den USA, Russland, Indien, China, Japan und Korea. Er spendete 100 % seines Autorenhonorars seines Buches \u201eDie Staatstheorie Karl Poppers\u201c an Human Rights Watch Germany. Artikel von und \u00fcber Jack Nasher erschienen bereits in der Harvard Business Review, dem Handelsblatt, Capital, der ZEIT, der FAZ, der China Times, Business Insider und dem Wallstreet Journal. Jack Nasher stellt seine Forschungsergebnisse regelm\u00e4\u00dfig bei wissenschaftlichen Konferenzen vor und lehrte u.a. an der Oxford University, der Universit\u00e4t Liechtenstein, der TU M\u00fcnchen und an der INSEEC Paris. Seit 2018 lehrt Jack Nasher als Gastdozent im BING Overseas Program der Stanford University. 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