{"id":5188,"date":"2016-10-27T11:14:38","date_gmt":"2016-10-27T09:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/?p=5188"},"modified":"2016-10-27T16:05:08","modified_gmt":"2016-10-27T14:05:08","slug":"scheitern-und-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2016\/scheitern-und-gluck\/","title":{"rendered":"Scheitern und Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Scheitern geh\u00f6rt zum Leben wie die Nacht zum Tag, das wissen wir alle. Dennoch tun wir \u2013 mehr oder weniger \u2013 unser M\u00f6glichstes, ein Scheitern zu vermeiden. Wenn das nicht geht, reden wir uns das Scheitern sch\u00f6n oder verdr\u00e4ngen es gleich vollst\u00e4ndig. Wir sprechen einfach nicht dar\u00fcber, benennen es nicht, als w\u00fcrde es damit verschwinden. Wenn wir den Druck nicht aushalten, den ein vermeintliches &#8222;Nicht-Scheitern-D\u00fcrfen&#8220; hervorbringt, verharren wir still, tun gar nichts. Wer nichts tut, scheitert auch nicht. Wir versuchen nichts Neues, halten uns zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Scheitern ist die Entt\u00e4uschung von Erwartungen, ein angepeiltes Ziel, das verfehlt wurde, ein Plan, der nicht aufging. Schmerzlich am Scheitern ist die mangelnde Kontrolle: Die Dinge laufen nicht so, wie wir wollen, es ist ein Gef\u00fchl der Ohnmacht in einer Welt, die Aktivit\u00e4t und Kontrolle \u00fcber alles sch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><strong>Kultur des Scheiterns <\/strong><\/p>\n<p>Andernorts \u2013 so hei\u00dft es \u2013 gebe es eine regelrechte Kultur des Scheiterns. Wer dort als Unternehmer scheitert, geniert sich nicht, verbucht das Ende des Projekts als einen von vielen Schritten auf dem Karriereweg, legt einfach wieder los, mit einer neuen Idee, einem neuen Business Plan.<\/p>\n<p>Der in diesem Zusammenhang oft zitierte Erfinder von Paypal, <a href=\"https:\/\/www.brandeins.de\/archiv\/2014\/scheitern\/wolf-lotter-einleitung-scheitern-wird-schon-schiefgehen\/\" target=\"_blank\">Max Levchin, ist mit drei Unternehmen gescheitert, das vierte \u00fcberlebte, erst mit seinem f\u00fcnften, n\u00e4mlich Paypal, wurde er reich und ber\u00fchmt<\/a>. Wer scheitert, hat Erfahrungen gemacht, die vielleicht helfen, ein erneutes Scheitern zu vermeiden. Das erhoffen sich alle, die zu den neuerdings sehr beliebten Veranstaltungen zum Thema Scheitern gehen: <a href=\"http:\/\/fuckupnights.com\/\" target=\"_blank\">Fuckup Nights<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> hei\u00dft diese neue Bewegung, die vor einigen Jahren in Mexiko entstanden ist.<\/p>\n<p>Eigene Erfahrungen sind jedoch von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung: Scheitern ist ein Regulativ. Wir scheitern, weil etwas nicht so klappt, wie wir es geplant haben. Da Scheitern alleine davon bestimmt wird, wie wir Erfolg bewerten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit unseren Bewertungskriterien<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: Haben wir richtig geplant? Haben wir alle Faktoren ber\u00fccksichtigt? Haben wir eine reale Vorstellung davon entwickelt, was Erfolg eigentlich ist? Passt dieser geplante Erfolg \u00fcberhaupt zu uns? Haben wir selbst die n\u00f6tigen Voraussetzungen, die ausreichende Motivation, die F\u00e4higkeiten und den Willen, dieses Projekt durchzuziehen? Vielleicht ist es ja im doppelten Sinne ern\u00fcchternd, wenn wir merken, es klappt nicht, weil es gar nicht zu uns passt, weil der Erfolg gar nicht so glorreich w\u00e4re wie erhofft?<\/p>\n<p><strong>Soziale Projektarbeit: Reflexion \u00fcber Scheitern und Gelingen <\/strong><\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/2015\/10\/soziale-projekte-2015\/\" target=\"_blank\">Soziale Projektarbeit<\/a>, die die Studierenden im Programm BACHELOR International Business im zweiten und dritten Semester planen und durchf\u00fchren, eignet sich hervorragend zur Reflexion \u00fcber Scheitern und Gelingen und \u00fcber den eigenen Beitrag dazu. Diese Reflexion stellt den eigentlichen Erfolg der Sozialen Projekte dar, die in dieser Woche vorgestellt wurden. Sie waren darum alle ein Erfolg!<\/p>\n<p>Welche Kriterien gelten f\u00fcr den Erfolg? Die Durchf\u00fchrung des Projekts \u00fcber zwei Semester in einer zum gro\u00dfen Teil selbst gew\u00e4hlten Gruppe von Studierenden mit einem selbstgew\u00e4hlten Projekt und einem ebenso selbst gew\u00e4hlten Projektpartner durch alle Widrigkeiten hindurch (voller Stundenplan und zahlreiche Pr\u00fcfungen sowie das Praktikum im Sommer, &#8222;Verlust&#8220; von Gruppenmitgliedern, Absagen von Projektpartnern oder Sponsoren usw.). Au\u00dferdem die Darstellung des Projekts in einem schriftlichen Projektbericht und die Pr\u00e4sentation vor einer Jury. Es sind eine ganze Reihe von F\u00e4higkeiten, die hierf\u00fcr gefordert sind. Und das bedeutet: Alleine die Durchf\u00fchrung des Projekts von der Planung bis zum Abschluss ist als Erfolg zu werten.<\/p>\n<p>Messbar sind nat\u00fcrlich die Einwerbung von Spenden, deren H\u00f6he, eine abgeschlossene und gelungene Veranstaltung. Es ist aber kein geringerer Erfolg, wenn eine auf vier Mitglieder geschrumpfte Gruppe sich zu Beginn des dritten Semesters, also 6 Wochen vor der Abschlusspr\u00e4sentation, gezwungen sieht, einen Plan C, also einen Notfallplan, aufzusetzen. Wenn die beiden Gruppenmitglieder, die die Gruppe verlassen haben, jeweils ma\u00dfgeblich f\u00fcr Plan A (Ideengeber) und Plan B (Kontaktperson zu Projektpartnern) waren. Wenn dann bis zur Projektpr\u00e4sentation keine &#8222;Ergebnisse&#8220; vorliegen, eine Veranstaltung f\u00fcr den Monat November erwartet wird, die gemeinsam mit einem lokalen Projektpartner, dem <a href=\"http:\/\/www.mkjz.de\/wordpress\/\" target=\"_blank\">Multikulturellen Jugendzentrum Westend<\/a>, durchgef\u00fchrt werden soll.<\/p>\n<p>Ergebnisse und damit Erfolge sind jedoch das Durchhalteverm\u00f6gen, die Reflexion \u00fcber den Sinn und Zweck der Aktivit\u00e4ten, die Zusammenarbeit im Team (oder die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit) und die vielf\u00e4ltigen Kontakte zu Projektpartnern.<\/p>\n<p>Eine andere Projektgruppe plante einen Spiele- und Diskussionsnachmittag in einem Seniorenheim: Der Kontakt zu den Senioren in Form einer Diskussionsrunde als &#8222;Event&#8220; war einfach eine grandiose Idee, gekr\u00f6nt von der abschlie\u00dfenden Nachfrage der Senioren, wann die Studenten denn wiederkommen w\u00fcrden. Da vor der Diskussion einige Runden Bingo gespielt werden sollten, die Ausr\u00fcstung daf\u00fcr jedoch fehlte, war auch Improvisationstalent gefordert: Zufallsgeneratoren (nat\u00fcrlich \u00fcber das Smartphone) zur Erstellung von Zahlenreihen lieferten die Vorlagen f\u00fcr die Bingo-Tabellen, die dann selbst gemalt wurden. Einfach prima!<\/p>\n<p>Ein weiteres Projekt bestand aus dem Sammeln von Spenden und dem Sortieren von Kleidern f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in der M\u00fcnchner Erstaufnahmeeinrichtung. Alleine die Erfahrungen, wo und wie Spenden gesammelt werden k\u00f6nnten, aber auch die Kontakte zum Projektpartner und die Erfahrungen im Gesamtprojekt, von der Planung bis zur Darstellung mit all den damit verbundenen Kommunikationshindernissen, sind hier der Erfolg.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5190 size-large\" src=\"http:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2-1024x768.jpg\" alt=\"MBS Success Failure\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2-267x200.jpg 267w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2-326x245.jpg 326w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.munich-business-school.de\/insights\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/MBS-success-failure-2.jpg 1152w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine Gruppe von Studierenden plante einen Spendenlauf in M\u00fcnchen. Die hervorragende, sehr sorgf\u00e4ltige Planung zugunsten einer Organisation, die sich um Kinder mit Zerebralparese k\u00fcmmert, die zahlreichen Ideen zur Gestaltung, die ausgereiften \u00dcberlegungen zur Aufgabenverteilung innerhalb der Gruppe und deren gro\u00dfes Engagement \u2013 all das konnte ein Scheitern nicht verhindern. Es lag an einem simplen Missverst\u00e4ndnis in der Kommunikation mit der Genehmigungsbeh\u00f6rde. Die Studenten haben sich wacker geschlagen, rechtzeitig einen Plan B ausgearbeitet und eine Veranstaltung durchgef\u00fchrt, in der sie zwar &#8222;nur&#8220; einige Kinder mit Zerebralparese gl\u00fccklich machen konnten, jedoch wertvolle Erfahrungen sammeln konnten. Insbesondere ihre Reflexion zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Scheitern und die Sorgfalt und Ernsthaftigkeit der Planung und Durchf\u00fchrung \u00fcberzeugten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Projekt bestand in der Zusammenarbeit mit einer lokalen Gruppe zur Unterst\u00fctzung von Fl\u00fcchtlingen. Die Studenten halfen bei der Vorbereitung von Lunchpaketen und begleiteten 40 Fl\u00fcchtlinge auf einen Ausflug nach Neuschwanstein mit Picknick am Forggensee. Das mittelalterliche Schloss (tja, es wurde tats\u00e4chlich so vorgestellt) war fast Nebensache, die Gespr\u00e4che mit den Fl\u00fcchtlingen \u00fcber deren Erlebnisse und Wahrnehmungen hinterlie\u00dfen tiefe Eindr\u00fccke. Erfolg ist hier die pers\u00f6nliche Erfahrung im Kontakt mit den Fl\u00fcchtlingen, aber auch mit dem Engagement der Unterst\u00fctzergruppe, einer kleinen lokalen Vereinigung.<\/p>\n<p>Das letzte Beispiel, das hier zitiert werden soll, ist ein Projekt mit dem Namen &#8222;Togo Seven&#8220;: Sieben Studierende, die sich f\u00fcr die Unterst\u00fctzung eines kleinen Dorfes in Togo einsetzen. Brunnen, eine Krankenstation, eine Schule sollen gebaut werden, n\u00f6tig w\u00e4ren rund 75.000 EUR. Doch die Sponsoren hatten bereits andere Pl\u00e4ne und sagten einer nach dem anderen ab, auch eine gemeinsame Reise nach Togo kam nicht zustande, das Praktikum verhinderte sie.<\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit mit einem Verein zur Unterst\u00fctzung von Togo kam \u00fcber einen pers\u00f6nlichen Kontakt zustande. Der Projektpartner gab unserer Studentengruppe auch den Tipp, beim Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung um Unterst\u00fctzung nachzusuchen. Kurz vor der Projektpr\u00e4sentation kam die gute Nachricht: Das BMZ sagte die Summe von 60.000 EUR f\u00fcr das Projekt zu, wenn die restlichen 15.000 EUR von der Gruppe selbst aufgebracht w\u00fcrden. Welch ein Gl\u00fcck, das Scheitern hatte sich gelohnt, der Erfolg ist aber noch nicht sicher, denn 15.000 EUR m\u00fcssen erst einmal eingeworben werden. Ein Event ist bereits geplant, auch die Reise nach Togo steht wieder auf der Tagesordnung. Aber das Engagement, die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Partnern und die Auseinandersetzung mit der Entwicklungsarbeit sind bereits jetzt als Erfolge zu verbuchen.<\/p>\n<p>All diese nicht messbaren Ergebnisse, die Erfahrungen und Eindr\u00fccke entziehen sich einer vollst\u00e4ndigen Planbarkeit und sind individuell sehr verschieden. Doch die Reflexion dar\u00fcber macht sie besonders wertvoll. Vielleicht f\u00fchren sie auch dazu, dass Scheitern aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet wird, als Erfahrung und als ein Schritt auf dem eigenen Weg. Wir gratulieren allen unseren Studierenden zu ihren Sozialprojekten!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/umgang-mit-dem-scheitern-es-lebe-der-misserfolg-13862562.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/umgang-mit-dem-scheitern-es-lebe-der-misserfolg-13862562.html<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/fuckup-night-lernen-vom-versager-1.2349728\" target=\"_blank\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/fuckup-night-lernen-vom-versager-1.2349728<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> in John, Ren\u00e9; Langhof, Antonia (Hrsg.) (2014). <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=ID0hBAAAQBAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0\" target=\"_blank\">Scheitern \u2013 ein Desiderat der Moderne<\/a>, Wiesbaden: Springer, S. 5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Scheitern geh\u00f6rt zum Leben wie die Nacht zum Tag, das wissen wir alle. Dennoch tun wir \u2013 mehr oder weniger \u2013 unser M\u00f6glichstes, ein Scheitern zu vermeiden. 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