Wer profitiert von einer Steuersenkung?

Die Regierung senkt eine Steuer. Der Preis an der Kasse ändert sich nicht. Wo ist denn Ihr Rabatt geblieben?


In der aktuellen Ausgabe von WISU geht unser Kollege Prof. Dr. Florian Bartholomae (Munich Business School) einer Frage nach, die in politischen Debatten immer wieder auftaucht: Wenn der Staat eine Steuer senkt, kommt die Ersparnis dann tatsächlich bei den Verbrauchern an oder verschwindet sie still und leise in der Marge eines anderen?

Die Lehrbuchantwort klingt fast zu einfach: Es spielt keine Rolle, wer gesetzlich zur Zahlung der Steuer verpflichtet ist. Was zählt, ist die Elastizität, also, wie leicht sich die jeweilige Marktseite von einer Preisänderung abwenden kann. Die Seite, die sich weniger anpassen kann, also die weniger elastische, trägt letztendlich den größten Teil der Last oder behält im Falle einer Steuersenkung den größten Teil des Nutzens.

Prof. Bartholomae überprüft dies anhand von zwei konkreten, aktuellen politischen Maßnahmen in Deutschland:

  • Die Kraftstoffsteuerrückerstattung ab 2022: Autofahrer können ihre Fahrgewohnheiten bei Schwankungen der Kraftstoffpreise kaum ändern. Die Nachfrage ist hartnäckig unelastisch. Ergebnis: Praxisdaten zeigen, dass fast 100 % des Preisnachlasses bei Diesel und rund 85 % bei Superbenzin direkt an die Verbraucher an der Tankstelle weitergegeben wurden.
  • Die Mehrwertsteuersenkung für Restaurants ab 2026: Hier kehrt sich der Mechanismus um. Die Nachfrage nach Restaurantbesuchen ist relativ elastisch. Die Menschen essen einfach häufiger zu Hause, wenn die Preise steigen. Das Angebot hingegen ist unelastisch: Restaurants sind durch feste Sitzplatzkapazitäten, Personal und Mieten eingeschränkt. Als die Mehrwertsteuer 2026 von 19 % wieder auf 7 % sank, veränderten sich die Preise auf den Speisekarten daher kaum. Eine Preissenkung um etwa 10 % wäre rechnerisch möglich gewesen, auf der Rechnung machte sich davon jedoch fast nichts bemerkbar.

Dasselbe politische Instrument. Dieselbe Regierung. Völlig unterschiedliche Ergebnisse, denn die zugrunde liegende Marktstruktur, nicht die politische Absicht, entscheidet darüber, wer tatsächlich profitiert.

Der übergeordnete Punkt, den Prof. Bartholomae anführt, ist treffend: Die öffentliche Debatte über die „Gier“ von Unternehmen, wenn Steuererleichterungen nicht bei den Verbrauchern ankommen, geht meist völlig am eigentlichen Mechanismus vorbei. Es geht selten um guten Willen oder Fairness. Es geht darum, welche Seite des Marktes es sich am wenigsten leisten kann, aus dem Spiel auszusteigen. Hilfspakete, die die Elastizität außer Acht lassen, laufen Gefahr, ihre eigenen Verteilungsziele nicht aus Versehen, sondern von vornherein zu verfehlen.

Eine wichtige Erinnerung daran, dass hinter jeder Schlagzeile à la „Wir senken die Steuern, um euch zu helfen“ eine Marktstruktur steht, die still und leise entscheidet, wer das Geld wirklich bekommt.

Neugierig geworden? Elastizitäten werden in Bachelorkurs „Mikroökonomie“ gleich im 1. Semester behandelt. Herzlichen Glückwunsch an Prof. Dr. Florian Bartholomae zu dieser Veröffentlichung!