Freihandel am Scheideweg

MBS Free Trade

Handelsabkommen sind wie Austern, Jägermeister und Jackson-Pollock-Gemälde – entweder man liebt sie oder man hasst sie.

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Jerry Haar, PhD, Clinical Professor (Department of Management & International Business) am College of Business der Florida International University

Im heutigen politischen Milieu haben Freihandelsgegner die Oberhand und machen die lautstarken Verfechter des freien Handels zu einer kleinen Minderheit. Das Schimpfen auf Freihandelsabkommen, insbesondere auf das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) und die Transpazifische Partnerschaft (TPP), stellt das moderne Äquivalent zu „Remember the Alamo!“ und „Remember the Maine!“ dar —Schlachtrufe, um die Massen in einen Blutrausch zu versetzen. So zum Beispiel Donald Trump, der NAFTA vernichtend als “das schlechteste Handelsabkommen in der Geschichte” kritisierte (aus empirischer Sicht eine falsche Anschuldigung) und behauptet, dass unsere Freihandelsabkommen der Grund dafür seien, dass “wir unsere Jobs verlieren wie ein Haufen Babys”. (Wobei ich persönlich noch nie ein Kleinkind gesehen habe, das arbeitsloses Mitglied der Rohrleger- und Stahlbauarbeitergewerkschaft der AFL-CIO ist.)

Die Suche nach einem Sündenbock

Es ist offensichtlich, dass die menschliche Psyche in dem von Sorge, Unsicherheit, Angst und Zorn geprägten Klima nach der Weltwirtschaftskrise leicht auf simple Botschaften und die Suche nach einem Sündenbock hereinfällt. Ein solcher Sündenbock sind Freihandelsabkommen, von denen NAFTA das Aushängeschild ist. Unglücklicherweise wurde die US-Wirtschaft nach NAFTA gleichzeitig von rasanter Globalisierung, technischem Wandel und Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO getroffen. Diese Veränderungen, und nicht NAFTA an sich, sind für fast alle negativen Auswirkungen verantwortlich, die Kritiker dem Abkommen zuschreiben. Seit seinem Inkrafttreten wuchs der Handel von 290 Milliarden Dollar auf über 1,1 Billionen Dollar im Jahr 2016. Laut Gary Hufbauer und Cathleen Cimino-Isaacs, Wirtschaftswissenschaftler am Peterson Institute, sind die Gehälter für die mit Export verbundenen Arbeitsplätze um jährlich 15 bis 20% gestiegen. Doch vor allem weisen die meisten Studien zur wirtschaftlichen Bewertung von NAFTA auf bescheidene, aber dennoch positive Auswirkungen auf das US-BIP von weniger als 0,5% hin, mit einem insgesamt geringfügigen Arbeitsplatzabbau. Gewiss sind einige Sektoren mehr betroffen als andere, doch die größten Gewinner von allen sind die amerikanischen Verbraucher.

Es ist sehr bedauerlich, dass sich die Debatte um freien Handel weiterhin in erster Linie um Arbeitsplätze dreht – geschaffene Arbeitsplätze und abgebaute Arbeitsplätze. Das war niemals Sinn und Zweck von Handelsabkommen. Bei den Abkommen geht es um Effizienz, Produktivität und darum, die Verbrauchernachfrage mit einem breit gefächerten Angebot an langfristig verfügbaren, erschwinglichen und qualitativ hochwertigen Waren zu befriedigen. Das ist einer der zentralen Punkte in der Publikation Making NAFTA Work, die Steve Blank und ich vor fast zwei Jahrzehnten veröffentlichten. Unsere These war, dass NAFTA nichts anderes als die trilaterale Anerkennung einer in Nordamerika neu entstehenden Struktur der grenzübergreifenden Integration von Produktion, Lieferketten, Managementsystemen und Finanzgeschäften der Unternehmen ist.

Ein Rezept zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für freien Handel

Da Protektionismus, Isolationismus und Nativismus einen dunklen, populistischen Schatten über die Vereinigten Staaten und Europa werfen, befindet sich der freie Handel am Scheideweg. Was kann man angesichts dieser Trostlosigkeit tun, um die Rahmenbedingungen für freien Handel zu verbessern? Das Rezept ist recht einfach:

  1. Handelserleichterung. Für US-Exporteure sind Zollsätze weitaus weniger wichtig als nichttarifäre Hemmnisse. Die Regierung sollte beharrlich dafür sorgen, dass die Einfuhrbedingungen unserer Handelspartner sowie Anforderungen und Vorschriften bezüglich Verpackung, Logistik, Zulassung und geistigem Eigentum transparent und effizient sind.
  2. Handelsüberwachung. Die Regierung muss die Einhaltung von bestehenden Vereinbarungen durch unsere Handelspartner besser überprüfen und Strafmaßnahmen gegen jene ergreifen, die gegen sie verstoßen.
  3. Handelsförderung. Die Regierung muss auf all ihren Ebenen, zusammen mit Unternehmensverbänden, den Export aggressiver fördern. Derzeit sind nur 5% der kleinen bis mittleren Unternehmen am internationalen Handel beteiligt.
  4. Handelshilfen. Der Trade Adjustment Assistance Act – ein Gesetz, das Arbeiter, Unternehmen, Landwirte und Gemeinden unterstützen soll, die vom Import negativ beeinflusst werden, muss ausgeweitet werden. Es müssen ernsthafte Anstrengungen unternommen werden, um die potentiellen Begünstigten über die ihnen zustehenden Leistungen in Kenntnis zu setzen.
  5. Umschulungen. Einzelne Arbeitnehmer müssen begreifen, dass sie mit den Fähigkeiten von gestern am Arbeitsmarkt von morgen nicht bestehen können. Die Konsequenz ist ständige Weiterbildung, um die Konkurrenzfähigkeit zu stärken – den Arbeitsbereich oder den Beruf zu wechseln, wenn die jetzigen Aufgaben am Arbeitsplatz automatisiert oder outgesourct werden.
  6. Öffentliche Bildung. Das öffentliche Schulsystem sowie zivilgesellschaftliche und kommunale Organisationen müssen die Bevölkerung viel besser über die Marktwirtschaft unterrichten, wovon die Handelsliberalisierung ein wichtiger Aspekt ist. Andernfalls wird die Öffentlichkeit anfällig für hysterische Schimpftiraden politischer Demagogen.

Freihandelsabkommen werden nicht in einer Apokalypse enden – sie sind aber auch kein Allheilmittel. Wie Frédéric Bastiat, französischer Ökonom des 19. Jahrhunderts, behauptet, muss man bei der Beurteilung ihrer Folgen nicht nur die Auswirkungen auf eine einzelne Gruppe oder Industrie betrachten, sondern auf die Gesellschaft als Ganzes. Der momentan pausierende Ausbau bietet eine vielversprechende Gelegenheit, um das Hauptaugenmerk sowie wichtige Ressourcen dringenderen Herausforderungen der Gegenwart zu widmen – nämlich bestehende Handelsabkommen besser in Gang zu bringen, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln, in die Infrastruktur zu investieren und die Arbeiterschaft zu stärken und umzurüsten.

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Newsportal des College of Business der Florida International University veröffentlicht.