Britischer Generalkonsul Paul Heardman zu Besuch an der MBS

MBS Paul Heardman

Am 2. März war Paul Heardman, der britische Generalkonsul für Bayern und Baden-Württemberg, mit einem Vortrag über die Beziehungen Großbritanniens zur EU zu Gast an der Munich Business School. Er schilderte die britische Perspektive und stand den MBS Studierenden in der anschließenden Q&A-Session Rede und Antwort. Bei seinem Vortrag griff Heardman auf seine langjährige Erfahrung zurück, die er als Vertreter des United Kingdom in Brüssel und in Deutschland gewinnen konnte.

Paul Heardmans Rede begann mit einem Rückblick über die historische Entwicklung der Integration in Großbritannien und auf das Referendum im Jahr 1975: Damals hatte man sich dafür entschieden, in der sich seinerzeit entwickelnden EU zu verbleiben. Heardman spannte den Bogen bis in das Jahr 2016 – ein historisches Jahr für Großbritannien, denn in diesem Jahr wird die britische Bevölkerung über Verbleib oder Ausscheiden in der EU abstimmen.

Obwohl Großbritannien der Eurozone nicht beitreten wird, sind die Entwicklungen in der Eurozone aufgrund der britischen Handelsbeziehungen mit der EU von entscheidender Bedeutung für Großbritannien. Diese Themen bildeten die Grundlage des Vortrags und auch für die Fragen aus dem Publikum.

Vier entscheidende Punkte der Beziehung Großbritanniens zur EU

Zusammengefasst betrachtet Großbritannien die folgenden vier Eckpunkte als entscheidend für seine Beziehung zur EU:

  • Punkt eins ist das Interesse Großbritanniens an Fairness auf dem gesamten Markt. Hier stellt sich folgende Frage: Welche Beziehung besteht zwischen den Ländern der Eurozone und nach außen?
  • Der zweite Punkt behandelt die Wettbewerbsfähigkeit: Paul Heardman bezog sich auf den OECD-Bericht, der einen in den nächsten 20 Jahren abnehmenden EU-Markt prognostiziert. Dies führt zu der Frage, wie erfolgreich Europa in 20+ Jahren sein wird.
  • Punkt Nummer drei, der von wesentlicher Bedeutung für Großbritannien ist, ist die Frage der Souveränität. Großbritannien unterstützte nach dem Zweiten Weltkrieg eine engere Gemeinschaft, sucht diese heute aber nicht mehr. Aus britischer Sicht stellt eine gemeinsame Währung einen gewissen Verzicht auf nationale Souveränität dar, was aus britischer Sicht nicht positiv ist. Hinzu kommt das Problem der Schuldenbelastung und Steuerniveaus vieler Länder in der Eurozone, was in Großbritannien eher negativ gesehen wird.
  • Der vierte und letzte wesentliche Punkt ist das heiß diskutierte Thema der Migration. Heardman vertritt die Ansicht, dass die Freizügigkeit eine große Leistung der EU darstellt. Bürger können sich frei zwischen den Ländern bewegen, außerhalb ihres Heimatlandes arbeiten und ein neues Leben beginnen. Jedoch wurden in den letzten 10 bis 20 Jahren Sozialleistungen missbräuchlich in Anspruch genommen, was für die Bürger Großbritanniens ein heißes Thema ist.Die Kurzfassung lautet: Ein Facharbeiter erhält eine Arbeitserlaubnis für Großbritannien, häufig auf unterer Ebene mit niedrigem Qualifikationsbedarf, und erhält den sofortigen Zugang zu Sozialleistungen. In anderen Ländern muss erst in die Sozialsysteme eingezahlt werden, bevor man zum Bezug der vollen Sozialleistungen berechtigt ist. Die finanziellen Belastungen sind hier nicht der wesentliche Punkt, obwohl die britischen Bürger verärgert darüber sind, dass andere dieselben Vorteile genießen und dann das Land verlassen, ohne weiter in die Sozialsysteme einzuzahlen. Festgestellt wird eine Belastung der Systeme (Schule, Krankenhäuser etc.) durch die mehr als zwei Millionen Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren nach Großbritannien gekommen sind.

MBS Paul HeardmanIn der anschließenden Fragerunde äußerte sich Heardman dazu, welchen Unterschied es macht, ob Großbritannien oder ein Land der Eurozone aus der EU ausscheiden würde: Alleine aufgrund der Größe des britischen Marktes würde eine Verflechtung zwischen UK und EU weiterbestehen. Jedoch sei niemand an einem Ausscheiden Großbritanniens interessiert. Heardman betonte weiterhin, dass Großbritannien auch weiterhin Neubürger gewinnen wolle.

Wir haben uns sehr gefreut, Paul Heardman erneut an der MBS begrüßen zu dürfen und hoffen darauf, ihn auch im nächsten Jahr wieder zu Gast zu haben.

Prof. Dr. Christopher Weilage
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Christopher Weilage, Professor für Betriebswirtschaft und Business Communication, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen International Business und Kommunikation. Weilage absolvierte seinen MBA International Business an der Moore School of Business der University of South Carolina, USA und anschließend den IMBA International Business an der Helsinki School of Economics and Business in Finnland. Am Lehrstuhl für Deutsch als Fremdsprache der LMU München promovierte der gebürtige US-Amerikaner zum Thema E-Learning.