Ich hab’s die letzten zehn Male gerockt und ich rocke es auch wieder, weil ich’s einfach rocken kann!

MBS Overconfidence
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Seien Sie ehrlich: Wir alle denken manchmal so. Heute aber wenden wir uns nicht an das kleine Kind in uns, das Rockstar werden will, sondern setzen unsere Diskussionen zum Thema „Selbstwahrnehmung von Managern“ fort.

In einem früheren Blog haben wir uns bereits mit dem sogenannten Rezenzeffekt beschäftigt. Heute konzentrieren wir uns auf die Neigung zu übersteigertem Selbstvertrauen. Kurz gesagt bedeutet dies, sich aufgrund früherer Erfahrungen zu überschätzen.

Diesen Effekt gibt es etwa im Aktienhandel: Nicht wenige gehen davon aus, wenn sie ein paar Mal schnell und einfach Gewinne eingestrichen haben, auch beim nächsten Mal wieder erfolgreich zu sein. Ist das nicht komisch – immer davon auszugehen, dass auch das nächste Geschäft Gewinn bringen wird? Es könnte doch ebenso gut völlig danebengehen.

Andere kennen das vielleicht aus ähnlichen Situationen: Erst besteht man problemlos Prüfungen im Fach X, nur um dann die Abschlussprüfung in den Sand zu setzen. Oder man hält ein paar tolle Präsentationen und geht dann frohgemut davon aus, dass es mit der am nächsten Tag genauso gut klappen wird. Oder man überschätzt die Zahl der Projekte, die man in einem bestimmten Zeitfenster erledigen kann. Dies alles geschieht auf der Grundlage früherer Erfahrungen, nicht der Realität von heute!

Neulich etwa wollte ich Eiscreme machen, musste mich dabei beeilen, sah aber keine Probleme, weil ich diese Eiscreme schon öfter gemacht hatte. OOPS! Gut, wegwerfen musste ich die Eiscreme nicht, aber so richtig gut geschmeckt hat sie auch nicht (man kann nie genug richtig gutes Eis haben, und mittelmäßige Eiscreme ist immer noch besser als gar keine).

Überschätzen Sie sich nicht!

Wenn ich an übersteigertes Selbstvertrauen denke, kommt mir zuallererst der Bergsteiger Rob Hall in den Sinn, der fünfmal auf dem Gipfel des Mount Everest stand – oh ja, fünfmal ganz oben auf dem Gipfel des Mount Everest!!!

Und dann ließ er wegen übersteigertem Selbstvertrauen 1996 bei der Tragödie am Everest sein Leben. Wenn ich an einen seiner letzten Sätze denke („Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich zurückkehren werde… Meine Frau ist sich zu 100 Prozent sicher, dass ich wiederkomme. Sie macht sich keine Sorgen um mich, wenn ich als Bergführer losziehe, denn ich treffe immer die richtigen Entscheidungen“; Krakauer, 1999), dann hatte er einfach nicht erkannt, dass seine Fähigkeit, Teams auf den Everest zu führen, begrenzt war. Dieser Gedanke bereits sollte ausreichen, uns zu warnen und davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, unser Selbstvertrauen unbedingt einzuschränken.

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Bevor Sie weiterlesen, beantworten Sie bitte die folgenden Fragen. Wählen Sie bei der Beantwortung der Fragen einen Bereich, bei dem Sie sich sicher sind, dass die richtige Antwort mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit darin liegt. Bitte seien Sie nicht albern sein und legen den Bereich von Null bis unendlich fest. Die Herausforderung liegt darin, mit der Antwort weder zu niedrig (überschätzen) noch zu hoch (unterschätzen) zu liegen, denn beides ist nicht gut. Die Antworten auf die Fragen finden Sie am Ende dieses Beitrages.

Testen Sie Ihr Selbstvertrauen

  1. Wie viele Songs haben die Beatles aufgenommen?
  2. Wie hoch ist der Mount Everest?
  3. Wie viele Bücher hat die Bibel (Altes und Neues Testament)?
  4. Wie weit ist München von New York entfernt (Luftlinie)?
  5. Wie lang ist der Nil?
  6. Aus wie vielen Inseln besteht Japan?
  7. Der wievielte Präsident der USA war George W. Bush?
  8. Wie alt wurde Einstein?
  9. Wie viele Liebhaber hatte Katharina die Große?
  10. Wie viele Knochen hat der menschliche Körper bei der Geburt?

Sehen Sie sich jetzt die richtigen Antworten an. Und? Wo liegen Sie? Denken Sie daran, dass Sie von 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit richtiger Antworten ausgegangen sind, ohne sich zu über- oder zu unterschätzen. Sie haben alles richtiggemacht, wenn Sie nur bei 10 Prozent falsch liegen – also bei einer Antwort.

Der Fallstrick für Manager

Bei übersteigertem Selbstvertrauen geht es nicht um einzelne Ergebnisse, sondern um den Unterschied zwischen dem, was wir wirklich wissen und dem, was wir zu wissen glauben. Und das ist der vielleicht häufigste Fallstrick für Manager. Denn fast alle von uns überschätzen im Höchstmaß ihre Fähigkeit, Ergebnisse prognostizieren zu können.

An einem Tag im letzten Sommer war im Wetterbericht frühmorgens die Rede von null Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit. Null Prozent ist absolut, und ich war verblüfft, dass sich jemand öffentlich derart festlegte. Und ja, ich bin auf dem Weg nach Hause noch nie so nass geworden wie an diesem Tag! Vielleicht waren an diesem Tag die Erstsemester mit dem Wetterbericht dran…

Übersteigertes Selbstvertrauen führt zu fehlerhaften Entscheidungen, durch die Probleme häufiger verschlimmert werden, statt dass man sie löst. Und vielleicht habe ich auch die Zuverlässigkeit des Wetterfrosches überschätzt. Aber das ist ein anderes Thema.

Manager sind für übersteigertes Selbstvertrauen bekannt

Manager sind bekannt dafür, ihre Fähigkeiten und die Richtigkeit ihrer Prognosen zu überschätzen. Laut einer Untersuchung bezahlen CEOs, die sich überschätzen, bei Übernahmen zu viel und gehen defizitäre Fusionen ein. Darüber hinaus berichten Paul Hribar und Holly Yang: Je größer das Selbstvertrauen eines CEO ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, die Gewinnerwartung nicht zu erreichen.

Übersteigertes Selbstvertrauen scheint unter Experten viel weiter verbreitet zu sein als unter Durchschnittsmenschen. In der vergangenen Woche brachte Yahoo! Finance viele Berichte von Experten darüber, wie sich die Börse und die Weltwirtschaft entwickeln. Viele dieser Experten prognostizieren Schlimmes. Andere wiederum empfehlen, sich mit Aktien einzudecken.

Aber alle bestehen darauf, dass das jeweils andere Lager nicht nur völlig falsch liegt, sondern auch dessen Analysen äußerst fehlerhaft sind. Beide Lager sind sich völlig sicher, welchen Weg die Weltwirtschaft nehmen wird. Egal ob Optimisten oder Pessimisten – Experten sind immer davon überzeugt, im Recht zu sein.

Überdurchschnittlich: Französische Liebhaber und schwedische Autofahrer

Mein Lieblingsbeispiel, auch wenn die Quelle nicht ganz gesichert ist, stammt von Taleb (2010, 152-3) und bezieht sich nicht auf Investitionen, sondern auf eine Umfrage unter Franzosen, ob sie überdurchschnittliche Liebhaber seien. 84 Prozent antworteten mit Ja. Wie können 84 Prozent der Bevölkerung über dem Durchschnitt von 50 Prozent liegen?

Ein anderes Beispiel: Autofahrer sind bekannt dafür, die mit Autofahren verbundenen Gefahren korrekt einschätzen zu können, aber davon überzeugt zu sein, dass sie ein geringeres Risiko als der durchschnittliche Autofahrer besitzen, in einen Unfall verwickelt zu werden. Taleb (2010, 152) stellt fest, dass 94 Prozent der Schweden überzeugt sind, überdurchschnittliche Autofahrer zu sein. Wenn das keine Selbstüberschätzung ist!

In einem Beruf äußerst qualifiziert und kompetent zu sein, ist nicht dasselbe wie eine gute Führungskraft zu sein. Braucht man als Führungskraft Selbstvertrauen? Auf jeden Fall. Sie wollen doch niemandem folgen, der sich nicht sicher ist in dem, was er tut, oder? Aber andererseits kann das auch äußerst gefährlich sein.

Bei übersteigertem Selbstvertrauen gebe ich die folgenden Ratschläge:

  1. Stellen Sie die Aussagekraft früherer Erfahrungen und Ergebnisse in Frage.
  2. Betrachten Sie die geplante Entscheidung aus der Sicht eines anderen.
  3. Sorgen Sie dafür, dass eine Feedbackschleife eingerichtet ist und funktioniert, um im Vorhinein potenzielle Fehlentscheidungen ausmachen zu können.
  4. Holen Sie Informationen ein, die im Widerspruch zu Ihrer ursprünglich geplanten Entscheidung stehen.

Und letztlich: Seien Sie sich bewusst, dass Sie Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten überbewerten. Das tut jeder. Aber versuchen Sie, mit dem neu erworbenen Wissen die Dinge anders anzugehen. Rocken Sie’s weiter!

 

Antworten auf die Fragen:

  1. Wie viele Songs haben die Beatles aufgenommen? 304
  2. Wie hoch ist der Mount Everest? 8.848 Meter oder 29.029 Fuß
  3. Anzahl der Bücher der Bibel (Altes und Neues Testament)? 66 (Ich sag’s nicht weiter, wenn Sie hier falsch lagen ;o)
  4. Luftlinie von München nach New York? 4.028 Meilen oder 6.483 km
  5. Der Nil ist laut Berechnung der National Geographic Society 4.258 Meilen oder 6.853 km lang. Eine andere Berechnung spricht von 4.160 Meilen oder 6.670 km
  6. Anzahl der Inseln, aus denen Japan besteht? 6.852
  7. Der wievielte Präsident der USA war George W. Bush? Nummer 43
  8. Wie alt wurde Einstein? 76
  9. Anzahl der Liebhaber von Katharina der Großen? 22
  10. Anzahl der Knochen im menschlichen Körper bei der Geburt? 270, was sich im Erwachsenenalter auf 206 reduziert (nur zur Info: Einige Quellen gehen von 300 Knochen bei der Geburt aus, andere bezeichnen diese jedoch als Knochen und Knorpel – vielleicht stimmt Ihre Antwort jetzt?)

 

Literaturhinweise:

Prof. Dr. Christopher Weilage
Über Prof. Dr. Christopher Weilage 42 Artikel
Christopher Weilage, Professor für Betriebswirtschaft und Business Communication, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen International Business und Kommunikation. Weilage absolvierte seinen MBA International Business an der Moore School of Business der University of South Carolina, USA und anschließend den IMBA International Business an der Helsinki School of Economics and Business in Finnland. Am Lehrstuhl für Deutsch als Fremdsprache der LMU München promovierte der gebürtige US-Amerikaner zum Thema E-Learning.