Naturrisiken übertragen sich über unterschiedliche Kanäle in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens. Die Konsequenzen sind über Bonitätsanpassungen, Liquiditätsveränderungen und Finanzkennzahlen spürbar. Banken reagieren bei Finanzierungen und Beteiligungen zunehmend sensibler auf das Risikopotenzial durch Naturrisiken, sehen aber auch die Chancen, die sich durch die Einbeziehung dieser Fragen ergeben. Unternehmen können ihre Verhandlungsposition maßgeblich verbessern, wenn sie Bescheid wissen, in welchem Maße sie von solchen Risiken betroffen sind. Die Autoren Prof. Johannes Hofinger, Prof. Anna-Lena Kotzur, Dr. Julian Blohmke (LBBW) und Michael Stich (LBBW) zeigen mit dem Portfolio- und dem Individualansatz zwei geeignete Vorgehensweisen auf, die Unternehmen jetzt ergreifen können, um sich ein umfassendes Bild von ihren Naturrisiken und -chancen zu machen.

Das nächste Jahresgespräch mit der Kreditabteilung Ihrer Bank könnte Überraschungen bergen. Auf der Agenda könnten Themen wie Wasser und Bestäubung stehen. Sie fühlen sich an den Biologieunterricht früherer Jahre erinnert und fragen sich, warum diese Themen in einem Finanzierungsgespräch aufkommen? Das ist nachvollziehbar, aber die Sache hat einen ernsten Hintergrund. Wasser und Bestäubung sind nur zwei Beispiele zu natürlichen Ressourcen und Ökosystemleistungen, von denen die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens beeinflusst werden kann. Etwa kann Wasserknappheit in der Zulieferkette zu höheren Einkaufskosten der benötigten Rohstoffe[1] oder das Ausbleiben von Bestäubung zu geringeren Erlösen in der Agrarlieferkette führen[2].
Geschäftsmodelle von Unternehmen können sowohl von Naturrisiken abhängig sein (Outside-in-Perspektive) als sich auch auf die Natur auswirken (Inside-out-Perspektive). Die Bankberater möchten mit ihren Fragen hinter die „Kulissen“ der Finanzkennzahlen sehen. Sie möchten verstehen, welchen Einfluss natürliche Veränderungen auf Ertragskraft und Liquidität und folglich auf die Bonität und Kreditbedienungsfähigkeiten haben. Ganz neu ist diese Betrachtungsweise nicht. Aus der Umsetzung der Klimaagenda[3] in den letzten Jahren ist die Erweiterung des Kreditrisikomanagements auf nicht-finanzielle Risiken bekannt. Ähnliche Entwicklungen sind nun auch bei der Berücksichtigung von Naturrisiken und deren Transmission in finanzielle Risiken zu beobachten. Unternehmen und insbesondere ihre Finanzabteilungen sind daher gut beraten, sich zeitnah mit diesem Thema verstärkt zu beschäftigen.

Hilfestellungen kommen insbesondere von internationaler Ebene, wo Naturrisiken bereits im Rahmen verschiedener Initiativen konkretisiert werden. Vergleichbar mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde für Ökosystemleistungen der Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal[4] im Jahr 2022 definiert. Parallel dazu erarbeiten die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures TNFD[5] und speziell die für die Banken- und Finanzseite wichtige Partnership for Biodiversity Accounting Financials (PBAF)[6] an Umsetzungs- und Lösungsvorschlägen. Auf EU-Ebene geben die im Januar 2025 veröffentlichten Leitlinien zum ESG-Risikomanagement[7] die Richtung vor, die an zahlreichen Stellen Bezug auf Biodiversitäts-, Umwelt- und Naturrisiken nehmen. Die aktuelle 9. MaRisk-Novelle[8] integriert diese Leitlinien prinzipienorientiert in die deutsche Bankenaufsicht. Der Monatsbericht für April 2026 der Deutschen Bundesbank wirft einen Blick in die weitere Zukunft, indem er das Projekt „Foresight“[9] vorstellt, das vier Zukunftsszenarien für Naturrisiken betrachtet. Wichtige Best-Practice-Beispiele sind aus der Veröffentlichung der Europäischen Zentralbank vom Mai 2026 zu „Good practices for advancing climate and naturerelated risk management“[10] zu entnehmen.
Aus Sicht der CFO-Agenda stellt sich nun die Frage, wie konkrete Schritte zur Ermittlung von finanziellen Naturabhängigkeiten und -auswirkungen aussehen könnten. Eine wesentliche Herausforderung liegt in der Komplexität der Aufgabe: Unternehmensstrukturen können komplex sein, die Natur und ihre Zusammenhänge sind sicher komplex. (…)
Den vollen Artikel finden Sie in der Ausgabe der Fachzeitschrift REthinking Finance vom 29.10.2026.
Autoren
Prof. Dr. Johannes Hofinger
ist Professor für Finanzierung and Rechnungswesen an der Munich Business School sowie naturrisikogeplagter Forstwirt in der familieneigenen Forstwirtschaft.
Prof. Dr. Anna-Lena Kotzur
lehrt nationale und internationale Rechnungslegung an der ESB Business School und berät Unternehmen bei der Umsetzung von ESG-Anforderungen.
Dr. Julian Blohmke
ist erfahrener Berater zu Nachhaltigkeitsstrategie, Transformation und Sustainable Finance bei der Landesbank Baden-Württemberg und hat für Entwicklungsbanken, Forschungseinrichtungen und Unternehmen weltweit gearbeitet.
Michael Stich
arbeitet als Senior Expert im Transition Analytics & Advisory der Landesbank Baden-Württemberg. Er ist seit über 20 Jahren im Corporate Banking beschäftigt und begleitet Unternehmen bei ihrer nachhaltigen Transformation.
[1] Vgl. investESG, Just 1 in 10 Fashion Companies Show Awareness of Water Pollution Across Whole Value Chain, ESG.Guide vom 21.09.2020, https://fmos.link/31114 (Abruf: 04.07.2026).
[2] Vgl. Reilly et al., Crop production in the USA is frequently limited by a lack of pollinators, Proceedings B 2020, 20200922.
[3] Vgl. Regulation (EU) 2021/1119 (‘European Climate Law’).
[4] Vgl. Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, CBD/COP/15/L25, Convention on Biological Diversity, 2022.
[5] Vgl. Recommendations of the Taskforce on Nature-related Financial Disclosures, 2023. Die TNFD ist eine globale Initiative, die Unternehmen und Finanzinstituten einen Rahmen bietet, um naturbezogene Risiken, Abhängigkeiten und Auswirkungen zu bewerten und offenzulegen. Sie ist vergleichbar mit der TCFD (Task Force on Climate-related Financial Disclosures) auf Klimaseite.
[6] Vgl. Biodiversity Footprinting Standard: Financed Impact, PBAF, 2024.
[7] Vgl. EBA, Guidelines on the management of ESG risks, 2025.
[8] Vgl. Bafin, Mindestanforderungen an das Risikomanagement – MaRisk, 2026.
[9] Vgl. Foresight-Projekt der Bundesbank „Biodiversitätsrisiken 2040 – die Zukunft der Biodiversität und Implikationen für Gesellschaft und Wirtschaft“, Monatsbericht – April 2026, Deutsche Bundesbank, 2026.
[10] Vgl. European Central Bank, Good practices for advancing climate and nature-related risk management, 2026.