Scheitern und Glück

MBS Success Failure
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Scheitern gehört zum Leben wie die Nacht zum Tag, das wissen wir alle. Dennoch tun wir – mehr oder weniger – unser Möglichstes, ein Scheitern zu vermeiden. Wenn das nicht geht, reden wir uns das Scheitern schön oder verdrängen es gleich vollständig. Wir sprechen einfach nicht darüber, benennen es nicht, als würde es damit verschwinden. Wenn wir den Druck nicht aushalten, den ein vermeintliches „Nicht-Scheitern-Dürfen“ hervorbringt, verharren wir still, tun gar nichts. Wer nichts tut, scheitert auch nicht. Wir versuchen nichts Neues, halten uns zurück.

Scheitern ist die Enttäuschung von Erwartungen, ein angepeiltes Ziel, das verfehlt wurde, ein Plan, der nicht aufging. Schmerzlich am Scheitern ist die mangelnde Kontrolle: Die Dinge laufen nicht so, wie wir wollen, es ist ein Gefühl der Ohnmacht in einer Welt, die Aktivität und Kontrolle über alles schätzt.

Kultur des Scheiterns

Andernorts – so heißt es – gebe es eine regelrechte Kultur des Scheiterns. Wer dort als Unternehmer scheitert, geniert sich nicht, verbucht das Ende des Projekts als einen von vielen Schritten auf dem Karriereweg, legt einfach wieder los, mit einer neuen Idee, einem neuen Business Plan.

Der in diesem Zusammenhang oft zitierte Erfinder von Paypal, Max Levchin, ist mit drei Unternehmen gescheitert, das vierte überlebte, erst mit seinem fünften, nämlich Paypal, wurde er reich und berühmt. Wer scheitert, hat Erfahrungen gemacht, die vielleicht helfen, ein erneutes Scheitern zu vermeiden. Das erhoffen sich alle, die zu den neuerdings sehr beliebten Veranstaltungen zum Thema Scheitern gehen: Fuckup Nights[1] heißt diese neue Bewegung, die vor einigen Jahren in Mexiko entstanden ist.

Eigene Erfahrungen sind jedoch von großer Bedeutung für die persönliche Entwicklung: Scheitern ist ein Regulativ. Wir scheitern, weil etwas nicht so klappt, wie wir es geplant haben. Da Scheitern alleine davon bestimmt wird, wie wir Erfolg bewerten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit unseren Bewertungskriterien[2]: Haben wir richtig geplant? Haben wir alle Faktoren berücksichtigt? Haben wir eine reale Vorstellung davon entwickelt, was Erfolg eigentlich ist? Passt dieser geplante Erfolg überhaupt zu uns? Haben wir selbst die nötigen Voraussetzungen, die ausreichende Motivation, die Fähigkeiten und den Willen, dieses Projekt durchzuziehen? Vielleicht ist es ja im doppelten Sinne ernüchternd, wenn wir merken, es klappt nicht, weil es gar nicht zu uns passt, weil der Erfolg gar nicht so glorreich wäre wie erhofft?

Soziale Projektarbeit: Reflexion über Scheitern und Gelingen

Die Soziale Projektarbeit, die die Studierenden im Programm BACHELOR International Business im zweiten und dritten Semester planen und durchführen, eignet sich hervorragend zur Reflexion über Scheitern und Gelingen und über den eigenen Beitrag dazu. Diese Reflexion stellt den eigentlichen Erfolg der Sozialen Projekte dar, die in dieser Woche vorgestellt wurden. Sie waren darum alle ein Erfolg!

Welche Kriterien gelten für den Erfolg? Die Durchführung des Projekts über zwei Semester in einer zum großen Teil selbst gewählten Gruppe von Studierenden mit einem selbstgewählten Projekt und einem ebenso selbst gewählten Projektpartner durch alle Widrigkeiten hindurch (voller Stundenplan und zahlreiche Prüfungen sowie das Praktikum im Sommer, „Verlust“ von Gruppenmitgliedern, Absagen von Projektpartnern oder Sponsoren usw.). Außerdem die Darstellung des Projekts in einem schriftlichen Projektbericht und die Präsentation vor einer Jury. Es sind eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die hierfür gefordert sind. Und das bedeutet: Alleine die Durchführung des Projekts von der Planung bis zum Abschluss ist als Erfolg zu werten.

Messbar sind natürlich die Einwerbung von Spenden, deren Höhe, eine abgeschlossene und gelungene Veranstaltung. Es ist aber kein geringerer Erfolg, wenn eine auf vier Mitglieder geschrumpfte Gruppe sich zu Beginn des dritten Semesters, also 6 Wochen vor der Abschlusspräsentation, gezwungen sieht, einen Plan C, also einen Notfallplan, aufzusetzen. Wenn die beiden Gruppenmitglieder, die die Gruppe verlassen haben, jeweils maßgeblich für Plan A (Ideengeber) und Plan B (Kontaktperson zu Projektpartnern) waren. Wenn dann bis zur Projektpräsentation keine „Ergebnisse“ vorliegen, eine Veranstaltung für den Monat November erwartet wird, die gemeinsam mit einem lokalen Projektpartner, dem Multikulturellen Jugendzentrum Westend, durchgeführt werden soll.

Ergebnisse und damit Erfolge sind jedoch das Durchhaltevermögen, die Reflexion über den Sinn und Zweck der Aktivitäten, die Zusammenarbeit im Team (oder die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit) und die vielfältigen Kontakte zu Projektpartnern.

Eine andere Projektgruppe plante einen Spiele- und Diskussionsnachmittag in einem Seniorenheim: Der Kontakt zu den Senioren in Form einer Diskussionsrunde als „Event“ war einfach eine grandiose Idee, gekrönt von der abschließenden Nachfrage der Senioren, wann die Studenten denn wiederkommen würden. Da vor der Diskussion einige Runden Bingo gespielt werden sollten, die Ausrüstung dafür jedoch fehlte, war auch Improvisationstalent gefordert: Zufallsgeneratoren (natürlich über das Smartphone) zur Erstellung von Zahlenreihen lieferten die Vorlagen für die Bingo-Tabellen, die dann selbst gemalt wurden. Einfach prima!

Ein weiteres Projekt bestand aus dem Sammeln von Spenden und dem Sortieren von Kleidern für Flüchtlinge in der Münchner Erstaufnahmeeinrichtung. Alleine die Erfahrungen, wo und wie Spenden gesammelt werden könnten, aber auch die Kontakte zum Projektpartner und die Erfahrungen im Gesamtprojekt, von der Planung bis zur Darstellung mit all den damit verbundenen Kommunikationshindernissen, sind hier der Erfolg.

MBS Success Failure

Eine Gruppe von Studierenden plante einen Spendenlauf in München. Die hervorragende, sehr sorgfältige Planung zugunsten einer Organisation, die sich um Kinder mit Zerebralparese kümmert, die zahlreichen Ideen zur Gestaltung, die ausgereiften Überlegungen zur Aufgabenverteilung innerhalb der Gruppe und deren großes Engagement – all das konnte ein Scheitern nicht verhindern. Es lag an einem simplen Missverständnis in der Kommunikation mit der Genehmigungsbehörde. Die Studenten haben sich wacker geschlagen, rechtzeitig einen Plan B ausgearbeitet und eine Veranstaltung durchgeführt, in der sie zwar „nur“ einige Kinder mit Zerebralparese glücklich machen konnten, jedoch wertvolle Erfahrungen sammeln konnten. Insbesondere ihre Reflexion zu den Gründen für das Scheitern und die Sorgfalt und Ernsthaftigkeit der Planung und Durchführung überzeugten.

Ein weiteres Projekt bestand in der Zusammenarbeit mit einer lokalen Gruppe zur Unterstützung von Flüchtlingen. Die Studenten halfen bei der Vorbereitung von Lunchpaketen und begleiteten 40 Flüchtlinge auf einen Ausflug nach Neuschwanstein mit Picknick am Forggensee. Das mittelalterliche Schloss (tja, es wurde tatsächlich so vorgestellt) war fast Nebensache, die Gespräche mit den Flüchtlingen über deren Erlebnisse und Wahrnehmungen hinterließen tiefe Eindrücke. Erfolg ist hier die persönliche Erfahrung im Kontakt mit den Flüchtlingen, aber auch mit dem Engagement der Unterstützergruppe, einer kleinen lokalen Vereinigung.

Das letzte Beispiel, das hier zitiert werden soll, ist ein Projekt mit dem Namen „Togo Seven“: Sieben Studierende, die sich für die Unterstützung eines kleinen Dorfes in Togo einsetzen. Brunnen, eine Krankenstation, eine Schule sollen gebaut werden, nötig wären rund 75.000 EUR. Doch die Sponsoren hatten bereits andere Pläne und sagten einer nach dem anderen ab, auch eine gemeinsame Reise nach Togo kam nicht zustande, das Praktikum verhinderte sie.

Die Zusammenarbeit mit einem Verein zur Unterstützung von Togo kam über einen persönlichen Kontakt zustande. Der Projektpartner gab unserer Studentengruppe auch den Tipp, beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung um Unterstützung nachzusuchen. Kurz vor der Projektpräsentation kam die gute Nachricht: Das BMZ sagte die Summe von 60.000 EUR für das Projekt zu, wenn die restlichen 15.000 EUR von der Gruppe selbst aufgebracht würden. Welch ein Glück, das Scheitern hatte sich gelohnt, der Erfolg ist aber noch nicht sicher, denn 15.000 EUR müssen erst einmal eingeworben werden. Ein Event ist bereits geplant, auch die Reise nach Togo steht wieder auf der Tagesordnung. Aber das Engagement, die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Partnern und die Auseinandersetzung mit der Entwicklungsarbeit sind bereits jetzt als Erfolge zu verbuchen.

All diese nicht messbaren Ergebnisse, die Erfahrungen und Eindrücke entziehen sich einer vollständigen Planbarkeit und sind individuell sehr verschieden. Doch die Reflexion darüber macht sie besonders wertvoll. Vielleicht führen sie auch dazu, dass Scheitern aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet wird, als Erfahrung und als ein Schritt auf dem eigenen Weg. Wir gratulieren allen unseren Studierenden zu ihren Sozialprojekten!

[1] Siehe auch: http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/umgang-mit-dem-scheitern-es-lebe-der-misserfolg-13862562.html oder http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fuckup-night-lernen-vom-versager-1.2349728

[2] in John, René; Langhof, Antonia (Hrsg.) (2014). Scheitern – ein Desiderat der Moderne, Wiesbaden: Springer, S. 5

Prof. Dr. Gabriella Maráz
Über Prof. Dr. Gabriella Maráz 28 Artikel
Gabriella Maráz ist Professorin für Interkulturelles Management und Methodenlehre mit den Schwerpunkten Informations- und Kommunikationspsychologie und Arbeitstechniken.