Frau Cora und Herr Pan Demic: Eine ökonomische Begründung von sozialer Distanz

Social Distancing

Momentan ist der Preis für das Gut “soziale Interaktion” viel zu gering. In Zeiten vor Corona waren mit dem Eintrittspreis für ein Konzert oder dem Getränkepreis in einer Bar alle relevanten Kosten gedeckt. Denn der Preis, den man bezahlt, berücksichtigt alle unmittelbaren Kosten, wie zum Beispiel die Herstellung der Getränke und den Gewinn der Verkäufer. Anders sieht es aber im Zeitalter von Corona aus, in dem soziale Interaktion weitere Kosten verursacht: Die Kosten für zusätzliches Pflegepersonal, um die Kranken zu pflegen, die Verlängerung krisengerichteter Maßnahmen oder das Unglück geliebte Menschen zu verlieren. Würde eine Bepreisung von sozialen Interaktionen ein gesellschaftlich wünschenswerteres Ergebnis her-beiführen?

Cora und Pan Demic sind sehr gesellige Menschen und lieben es, unter Menschen zu sein. Sie feiern gerne, gehen gerne ins Kino und auf Festivals. Anstatt von #partying und #nightlife poppt bei Instagram in Zeiten von Corvid-19 aber immer häufiger #FlattenTheCurve und #SocialDistancing auf. Was heißt das für Cora und Pan? Warum sollten sie auf soziale Events verzichten und was hat das mit der Gesellschaft zu tun? Schließlich sind sie nicht infiziert. Und das Risiko sich selbst zu infizieren ist aus eigener Sicht doch so gering und definitiv nicht hoch genug, um auf eine gute Party zu verzichten. Doch genau hier liegen Cora und Pan Demic falsch und genau dieses Verhalten führt zu einem klassischen Fall von Marktversagen.

Das Marktversagen besteht darin, dass Cora und Pan nur den eigenen Nutzen den eigenen Kosten gegenüberstellen, das heißt, die Kosten einer potentiellen Infektion gegenüber dem Nutzen aus Spaß, Abwechslung und guten Gesprächen. Was sie außer Acht lassen ist das gesellschaftliche Kalkül, die Tatsache, dass ihr Handeln zur Verbreitung des Virus beitragen wird, dass Menschen dadurch in Lebensgefahr gebracht werden und dass das Gesundheitssystem unnötig belastet wird. Gibt es einen ökonomischen Lösungsansatz für dieses Problem?

Preise spielen auf freien Märkten eine essenzielle Rolle. Der Preis spiegelt immer die Knappheit eines Gutes/einer Aktivität wider: der Preis ist meistens dann höher, wenn entweder das Angebot gering ist (weil z.B. seltene Produktionsfaktoren benötigt werden) oder die Nachfrage hoch ist. Das bedeutet, dass man über Preise individuelles Verhalten beeinflussen kann. Momentan ist der Preis für das Gut “soziale Interaktion” viel zu gering. Entweder man trifft sich kostenlos privat oder man zahlt Eintritt oder Getränke in einer Bar. Der Preis, den man bezahlt, berücksichtigt aber nur die unmittelbaren Kosten wie die Herstellung der Getränke, den Gewinn der Verkäufer und Ähnliches.

Anders sähe es aus, würden alle Kosten berücksichtigt: Die Kosten für zusätzliches Pflegepersonal, um die Kranken zu pflegen, die Verlängerung krisengerichteter Maßnahmen, das Unglück geliebte Menschen zu verlieren usw. Würden diese Kosten berücksichtigt werden, würde das Bier in geselliger Runde vielleicht nicht 4 Euro, sondern vielleicht 300 Euro kosten. Würden Cora und Pan Demic die gleiche Entscheidung treffen? Vermutlich wäre es ihnen zu teuer und sie würden (freiwillig) auf die Party verzichten. Durch den Preis kann somit das gesellschaftlich wünschenswerte Ergebnis herbeigeführt werden. Was aber, wenn sie kein Bier trinken oder andere Güter konsumieren, sich also einfach so treffen? In dem Fall gibt es keinen Preis, den man entsprechend erhöhen könnte. Eine neue Steuer, z.B. eine Versammlungssteuer, könnte diese Art von Treffen erheblich verteuern. 300 Euro pro Partystunde zum Beispiel.

Sicherlich werden manche bereit sein diesen Preis zu bezahlen, nichtsdestotrotz würde sich die Anzahl der Partygänger reduzieren. Zusätzlich würden soziale Nachteile durch die zusätzlichen Einnahmen kompensiert werden. Das Problem ist nur, solche Lösungen sind nicht wirklich praktikabel und daher nur schwer umsetzbar. Die verbleibende Alternative ist daher, die Menge zu beschränken. Oder anders formuliert eine Ausgangsspeere zu verhängen.

Fassen wir zusammen: Liegt ein negativer externer Effekt vor, bedeutet das, dass aus gesellschaftlicher Sicht zu viel von einer Aktivität erfolgt. Der Markt kann dies nicht lösen, daher kann das Problem nur von außen, also etwa durch Eingriffe des Staates, überwunden werden. Es müssen also Maßnahmen ergriffen werden, die dazu führen, dass weniger von dieser Aktivität stattfindet – entweder durch geeignete Anreizsetzung über das Preissystem mittels Steuern oder durch Einschränkung der Nutzung, also etwa dem Verhängen von Verboten. In diesem Sinne #FlattenTheCurve.

Prof Dr. Florian Bartholomae
Über Prof Dr. Florian Bartholomae 5 Artikel
Prof. Dr. habil. Florian Bartholomae ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Munich Business School. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ökonomie der Informationsgesellschaft und der Regionalökonomie. An der MBS unterrichtet er die volkswirtschaftlichen und mathematischen Grundlagenveranstaltungen im Bachelor sowie fortgeschrittene volkswirtschaftliche Fächer im Master. Zudem ist er Privatdozent am Institut für Ökonomie und Recht der globalen Wirtschaft an der Universität der Bundeswehr München sowie Partner der Politikberatung Bartholomae & Schoenberg Partnerschaft. Darüber hinaus ist Florian Bartholomae externer Lehrender an der IMC Fachhochschule Krems und forscht gemeinsam mit Alina Schoenberg, Studiengangsleiterin des Master-Studiengangs “International Business & Economic Diplomacy” an der IMC Fachhochschule Krems, an aktuellen ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragestellungen.
Über Prof. Dr. Alina Schoenberg
Prof. Dr. Alina Schoenberg is academic director of the Master's program "International Business & Economic Diplomacy" at the IMC University of Applied Sciences Krems. Together with Prof. Dr. Florian Bartholomae, she conducts research on current economic and economic policy issues. Currently they are working on behavioral aspects of social distance in urban areas in an economic context.