Die Tragik der Osterwiese

Warum endet die friedliche Ostereiersuche oft im Chaos? Ökonomisch gesehen ist der Garten eine „Allmende“: Da jeder seinen Nutzen maximieren will, droht die totale Übernutzung durch die schnellsten Teilnehmer. Erfahren Sie, wie Sie mit den Ansätzen der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom und Garrett Hardin den Familienfrieden durch kluge Ordnungspolitik retten – von Quoten bis zum Schoko-Grundeinkommen.


Haben Sie sich am Ostersonntag schon einmal gefragt, warum die besinnliche Eiersuche im Garten oft in einem rabiaten Wettrennen endet? Während die Kleinsten noch die Schleife an ihrem Körbchen richten, hat die Große meist schon die Hälfte der Beute sichergestellt. Was für die Familie nach „übermütigen Kindern“ aussieht, ist ein klassisches Lehrbeispiel für Marktversagen: Die Tragik der Allmende (englisch: Tragedy of the Commons).

Das Problem: Wenn der Garten allen gehört

Im Jahr 1968 beschrieb der Biologe und Ökonom Garrett Hardin, was passiert, wenn eine begrenzte Ressource allen frei zur Verfügung steht. Sein Beispiel war eine gemeinsame Weide (Allmende), die durch zu viele Rinder zerstört wird, weil jeder Viehhalter seinen eigenen Profit maximieren will. Die ökonomische Logik dahinter ist tückisch: Während der Ertrag – der Verkaufserlös – rein privat verbucht wird, müssen die Kosten der Abnutzung von der gesamten Gemeinschaft getragen werden. Aus Sicht des Einzelnen ist es daher rational, immer noch ein zusätzliches Tier grasen zu lassen.

Dieses Prinzip lässt sich direkt auf den Ostergarten übertragen: Da kein Familienmitglied von der Suche ausgeschlossen wird, herrscht freier Zugang. Zugleich ist das gefundene Schokoei ein rein privater Nutzen, der im eigenen Bauch landet – für die anderen Teilnehmer bleibt nur die „abgegraste“ Wiese zurück.

Das Ergebnis ist ein ruinöser Wettbewerb. Da jeder Teilnehmer fürchtet, leer auszugehen, rennen alle gleichzeitig los. Die „starken“ Marktteilnehmer (die Älteren mit längeren Beinen) räumen das Feld ab, während die „schwächeren“ Akteure mit leeren Händen und Tränen in den Augen zurückbleiben. Ökonomisch gesehen ist das Ergebnis zwar effizient (alle Eier wurden gefunden), aber sozial und verteilungspolitisch eine Katastrophe.

Vier Strategien für ein friedliches Osterfest

Wie kann der Familienfrieden nun gerettet werden? In der Ökonomie werden für solche Probleme folgende ordnungspolitischen Ansätze vorgeschlagen:

  1. Zonierung (Definition von Eigentumsrechten): Sie teilen den Garten in exklusive Sektoren auf: Die linke Seite des Gartens gehört den Kleinkindern, die rechte Seite den Ü-10-Profis. Durch diese räumliche Zuweisung verwandeln Sie das Allmendegut in ein privates Gut und nehmen den zerstörerischen Zeitdruck aus dem System. Diese Maßnahme vermeidet direkte Konflikte, erfordert jedoch Planungsaufwand vor der Versteck-Aktion.
  2. Kontingentierung (Mengensteuerung): Jeder Teilnehmer erhält eine feste Quote: „Maximal fünf Eier pro Kopf“. Sobald die Grenze erreicht ist, muss der Akteur den Markt verlassen. Das stellt sicher, dass die Ressource nicht von den schnellsten Teilnehmern erschöpft wird, bevor andere überhaupt partizipieren können. Hierdurch wird eine faire Mindestversorgung für alle garantiert, aber der Wettbewerbsgeist gedrosselt. Zudem führt es dazu, dass schwer findbare Eier eventuell unentdeckt bleiben.
  3. Umverteilung (Tax & Redistribute): Hier lassen Sie dem Wettbewerb freien Lauf. Nach der Suche werden jedoch alle Funde in einen Gemeinschaftskorb eingezahlt und egalitär neu verteilt. Der „Oster-Fiskus“ korrigiert das Marktergebnis also nachträglich, um maximale Ergebnisgerechtigkeit herzustellen – eine Art bedingungsloses Schoko-Grundeinkommen. Dies sorgt zwar für kurzfristige Harmonie bei der Verteilung, zerstört aber die Anreize für zukünftige Anstrengungen – wer sucht schon unter Dornen, wenn der Ertrag ohnehin sozialisiert wird?
  4. Soziales Monitoring (Selbstregulierung nach Ostrom): Hier gibt es keine harten Grenzen, aber klare soziale Normen. Wer den Kleineren etwas vor der Nase wegschnappt, erntet Missbilligung. Wie die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigte, funktionieren Allmenden dann am besten, wenn die Gemeinschaft Verstöße durch „abgestufte Sanktionen“ (z. B. keine Nachspeise beim Osteressen) selbst straft. Diese Strategie schont die Freiheit und fördert den sozialen Zusammenhalt, setzt aber eine funktionierende Wertegemeinschaft und gegenseitige Beobachtung voraus.


Fazit

Die wilde Suche im Ostergarten lehrt uns, dass ein völlig unregulierter Wettbewerb um knappe Güter selten zu einem harmonischen Ergebnis führt. Ob Sie nun auf Ostroms soziale Normen setzen, Hardins Warnungen durch Quoten beherzigen oder eine radikale Umverteilung wählen: Wenn Sie dieses Jahr als „Schiedsrichter“ im Garten stehen, managen Sie kein Familienfest, sondern betreiben angewandte Ordnungspolitik. In diesem Sinne: Frohe und wohlfahrtsmaximierende Ostertage!

Quellen

  • Hardin, G. (1968): The Tragedy of the Commons. In: Science, Vol. 162, Issue 3859, S. 1243–1248.
  •  Ostrom, E. (1990): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge: Cambridge University Press.

MBS Dr. Florian Bartholomae
Über Prof Dr. Florian Bartholomae 38 Artikel
Prof. Dr. habil. Florian Bartholomae ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Munich Business School. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ökonomie der Informationsgesellschaft und der Regionalökonomie. An der MBS unterrichtet er die volkswirtschaftlichen und mathematischen Grundlagenveranstaltungen im Bachelor sowie fortgeschrittene volkswirtschaftliche Fächer im Master. Zudem ist er Privatdozent am Institut für Ökonomie und Recht der globalen Wirtschaft an der Universität der Bundeswehr München sowie Partner der Politikberatung Bartholomae & Schoenberg Partnerschaft. Darüber hinaus ist Florian Bartholomae externer Lehrender an der IMC Fachhochschule Krems und forscht gemeinsam mit Alina Schoenberg, Studiengangsleiterin des Master-Studiengangs “International Business & Economic Diplomacy” an der IMC Fachhochschule Krems, an aktuellen ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragestellungen.