Warum „Conscious Business“ die Zukunft gehören muss

Zuerst Beispiele für Un-Conscious Business: zwei Ikonen der deutschen Wirtschaft kommen im Augenblick nicht aus den Schlagzeilen heraus: Volkswagen hat Millionen seiner Kunden, Tausende seiner Mitarbeiter und weitere Millionen von Mitmenschen in der „Dieselaffäre“ betrogen. In den USA sieht man durch die erhöhten Abgase die „öffentliche Gesundheit“ bedroht: Das MIT errechnete in einer Studie, dass allein in den USA zwischen 60 und 130 Menschen vorzeitig an den Folgen sterben werden.

Auch die Deutsche Bank steckt in Schwierigkeiten, sie wird 2015/ 16 Milliardenverluste machen. In beiden Fällen sind die Krisen selbst verschuldet: Gier, Ignoranz, Arroganz und ein völliges Fehlen an Achtsamkeit auf den Führungsebenen haben zu den größten Krisen in der jüngeren Geschichte beider Unternehmen geführt.

Dass die Top-Manager, die für die Krisen verantwortlich sind, nun größtenteils nicht mehr in ihren Positionen zu finden sind und teilweise regelmäßige Termine vor Gericht haben, zeigt, dass nicht zuletzt im Sinne eines nachhaltigen Unternehmenserfolgs ein völlig anderes wirtschaftliches Handeln und Bewusstsein erforderlich ist. Es ist schon erstaunlich, wie wenig manche Unternehmen aus der Finanzkrise 2008 gelernt haben.

Wach, bewusst und achtsam

Einem „Conscious Business“ wären die Fehler, die zu den beschriebenen Krisen geführt haben, nicht passiert. Die Prinzipien dahinter gewannen in jüngerer Zeit eine vergleichsweise hohe Bekanntheit mindestens in den USA – auch aufgrund der Veröffentlichungen von John Mackey und Raj Sisodias zu diesem Thema.

In Unternehmen, in denen das Management und die Mitarbeiter die Prinzipien eines „Conscious Business“ als den Kern unternehmerischen Handelns verstehen, wird wach, bewusst und achtsam gehandelt. Dieses Handeln ist nicht dem Streben nach Gewinn untergeordnet, der nachhaltige wirtschaftliche Erfolg ergibt sich aus der kompromisslosen Umsetzung der vier Grundsätze eines „Conscious Business“: Orientierung am übergeordneten Zweck und an zentralen Werten (Higher Purpose und Core Values), bewusste Führung (Conscious Leadership), bewusst gelebte Unternehmenskultur (Conscious Culture and Management) sowie die Einbindung aller Stakeholder (Stakeholder Integration).

imageQuelle: Mackey, John und Raj Sisodia (2014): Conscious Capitalism – Liberating the Heroic Spirit of Business

Im „Conscious Capitalist Credo“ von John Mackey heißt es hierzu:

„Conscious businesses are galvanized by higher purposes that serve, align, and integrate the interests of all their major stakeholders. Their higher state of consciousness makes visible to them the interdependencies that exist across all stakeholders, allowing them to discover and harvest synergies from situations that otherwise seem replete with trade-offs.

They have conscious leaders who are driven by service to the company’s purpose, all the people the business touches and the planet we all share together. Conscious businesses have trusting, authentic, innovative and caring cultures that make working there a source of both personal growth and professional fulfillment. They endeavor to create financial, intellectual, social, cultural, emotional, spiritual, physical and ecological wealth for all their stakeholders.“

„Conscious Companies“ auch finanziell erfolgreich

Eine ganze Reihe von Unternehmen setzen die genannten Grundsätze bereits sehr erfolgreich um. Ein Beispiel ist die Fluggesellschaft Southwest Airlines (Börsenkürzel „LUV“!), die 2014 die meisten Passagiere innerhalb der USA beförderte und die seit ihrer Gründung vor 44 Jahren in keinem Jahr Verlust gemacht hat. Den Gründer und ehemaligen CEO Herbert D. Kelleher konnte man auch schon einmal beim Verladen von Gepäck antreffen

Ein weiteres Beispiel ist Whole Foods Market. Das Unternehmen wurde 1980 gegründet und ist mit rund 13 Mrd. USD Umsatz heute die größte Biosupermarktkette der Welt. Ihr Gründer und CEO, John Mackey, gestaltet gegenwärtig den „Conscious Business“-Trend wegweisend mit. Auch LinkedIn beschäftigt mit Fred Kofman einen der wichtigsten Vordenker des „Conscious Business“-Konzepts als „Philosopher and Vice President“.

Doch wie steht es um den finanziellen Erfolg derartiger Unternehmen, die das Ziel haben, ihren Wert für die Gesellschaft als Ganzes zu maximieren – und nicht nur für ihre Shareholder? In seiner als Buch publizierten Studie „Firms of Endearment“ weist Raj Sisodia gemeinsam mit seinen Co-Autoren nach, dass „humanistische Unternehmen“ – wie er sie nennt – auch finanziell deutlich erfolgreicher sind als diejenigen Unternehmen, die im Standard & Poor’s 500 Index gelistet sind (siehe Tabelle).

Und hierbei handelt es sich wohlgemerkt lediglich um die Rendite für die Investoren. Gesamtgesellschaftliche Renditen, die etwa aus der Rücksichtnahme auf die Umwelt, durch glückliche Mitarbeiter oder besonders langfristige Zulieferbeziehungen entstehen, sind hier nicht einmal eingerechnet.

Grafik: Anlageergebnis von Firms of Endearment im Vergleich zu S&P 500-Unternehmen (1996-2011)

imageAnmerkungen:

– Unternehmensrenditen sind Gesamterträge inkl. reinvestierter Dividenden.
– a: Firms of Endearment, aktualisiert durch die Autoren
– b: Unternehmen im S&P 500-Aktienindex

Quelle: Sisodia, Raj, David Wolfe und Jag Sheth (2014): Firms of Endearment – How World-Class Companies Profit from Passion and Purpose

Mehrwert durch mehr Werte

„Conscious Companies“ stellen den Menschen in den Mittelpunkt wirtschaftlichen Handelns – den Menschen im Unternehmen und außerhalb. Diese Selbstverständlichkeit (denn Menschen sind nun einmal die Hauptakteure) scheint in zu vielen Fällen in den vergangenen Jahrzehnten untergegangen zu sein. Es wurde zu viel Wert gelegt auf fachliche, mechanische Qualifikationen, die ein Abarbeiten einer Aufgabe im profitablen Zeitrahmen und unter Berücksichtigung eines limitierenden Budgets erlauben – um am Ende einen monetären/ materiellen Gewinn zu erzielen.

Kein Mensch wird unter solchen Bedingungen langfristig glücklich. Mitglieder eines „Conscious Business“ denken darüber nach, was der höhere Sinn ihrer Tätigkeit ist, orientieren sich in ihrer täglichen Arbeit daran und beeinflussen derart ihre Beziehung zu Kunden, Stakeholdern und der Welt um sie herum. Es geht um ein tiefes Verständnis dafür, warum Unternehmen existieren und wie diese durch mehr Werte Mehrwerte generieren können. Für einige Unternehmen (siehe oben) bedeutet dies einen außerordentlichen und dringenden Kulturwandel.

Literaturempfehlungen:

– Kofman, Fred (2006): Conscious Business – How to Build Value Through Values, Boulder
– Mackey, John and Raj Sisodia (2014): Conscious Capitalism – Liberating the Heroic Spirit of Business, Boston
– Sisodia, Raj, David Wolfe and Jag Sheth (2014): Firms of Endearment – How World-Class Companies Profit from Passion and Purpose, Upper Saddle River
– außerdem: Video „Lessons in Conscious Business at LinkedIn: Jeff Weiner, Fred Kofman, Soren Gordhamer“, Gespräch auf Wisdom 2.0 Konferenz 2015

 

Prof. Dr. Christian Schmidkonz
Über Prof. Dr. Christian Schmidkonz 34 Artikel
Christian Schmidkonz, Professor für Asian-Pacific Business Studies an der Munich Business School, ist Studiengangsleiter des Programms Master International Business. Seine Schwerpunktthemen liegen in den Bereichen Business in China und Entrepreneurship. Nach einem VWL-Studium an der LMU München und Promotion an der Mercator School of Management der Universität Duisburg-Essen war Schmidkonz als Senior Consultant für die Region „Greater China“ tätig. Schmidkonz ist Partner der THINK!DESK China Research & Consulting und arbeitet als Analyst zu den Themen rund um Taiwan.