Professors reloaded: Vom Wissensvermittler zum Brückenbauer, Moderator und Sparringspartner

University college students with professor in seminar using laptop for project team work (© Kzenon – Fotolia.com)

17.437 Studiengänge gibt es an deutschen Hochschulen. Diese beeindruckende Zahl hat die statistische Erhebung der Hochschulrektorenkonferenz für das Wintersemester 2014/15 ergeben. In all diesen Studiengängen gibt es Tausende von Professoren und Dozenten, die tagtäglich Studierende aus dem In- und Ausland akademisch ausbilden. Aber was heißt eigentlich „akademisch ausbilden“ und was zeichnet einen guten Hochschullehrer im Jahr 2015 aus?

Es ist erstaunlich, dass Hochschullehrer von vielen immer noch als reine Wissensvermittler gesehen werden; und viele Lehrer sich auch selbst als solche begreifen. Egal ob an öffentlichen oder privaten Hochschulen und Universitäten: Es gibt viele Vorlesungen und Seminare, in denen Hochschullehrer zwar Theorien und Grundlagen vortragen, Praxisbezüge aber unterlassen.

Die Wissensvermittlung an sich ist dabei nicht zu kritisieren: Schließlich sind Grundlagen für jedes wissenschaftliche Studium entscheidend, um ein Fundament zu schaffen und Zusammenhänge zu verstehen. Aber an diesem Punkt aufzuhören ist fatal. Stattdessen hat ein Hochschullehrer insbesondere bei wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen mindestens drei weitere Aufgaben und Rollen inne: Er ist Brückenbauer, Moderator und Sparringspartner.

Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis

Sind die theoretischen Grundlagen geschaffen, steht insbesondere bei einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium die praktische Anwendung im Vordergrund. Dies kann unter anderem geschehen durch: Fallstudien-Diskussionen, Unternehmensexkursionen, Praktiker-Vorträge im Rahmen von Gastvorlesungen oder eigene Studierenden-Projekte in Zusammenarbeit mit Unternehmen oder Organisationen.

Bei der „Case Study“-Methode, die ihren Ursprung bereits im 19. Jahrhundert an der Harvard Law School hat, haben Studierende die Möglichkeit, anhand realer Unternehmensherausforderungen strukturiert und unter Anwendung des zuvor erworbenen Wissens (z. B. bestimmte Analyseinstrumente) eigenständig Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Im Idealfall schafft es der Hochschullehrer, Unternehmen als Fallstudien in den Unterricht einzubauen, die in der „Lebenswelt der Studierenden“ präsent sind (derzeit z. B. Apple, Netflix, DriveNow von BMW/ Sixt oder Bayern München; aber auch regionale Start-ups, bei denen Studenten Kunden oder Mitarbeiter sind). Dann wird das Wissen nicht nur angewandt, sondern sogar verinnerlicht.

Universitäre Projekte – egal ob im Rahmen eines Business-Plan-Projekts, einer Seminar- oder einer Abschlussarbeit – geben den Studierenden ebenfalls die Möglichkeit, eigene Vorschläge zu erarbeiten und die erlernten Methoden praxisbezogen anzuwenden. Im besten Fall wird der Erfolg direkt sichtbar, wenn nämlich kooperierende Unternehmen Anregungen aufnehmen und umsetzen.

Atmosphäre des Voneinander-Lernens schaffen

Die Meinung, der Hochschullehrer habe das „hoheitliche“ und „einzig wahre“ Wissen, ist längst überholt. Viele Studierende haben wertvolle Arbeitserfahrungen und Kenntnisse aus vorherigen Ausbildungen. Diese gilt es im Unterricht gezielt zu Tage zu fördern. Bestes Beispiel hierfür sind MBA-Klassen mit Studierenden, die mit langjähriger Berufserfahrung selbst schon unternehmerische Herausforderungen gemeistert haben. Wenn diese Erfahrungen offengelegt und gemeinsam mit dem Hochschullehrer und dem gesamten Kurs diskutiert werden, können Dialog und multiperspektivisches Lernen entstehen. Der Hochschullehrer ist in diesem Fall Moderator und Diskussionslenker, er macht auch konträre und divergierende Meinungen sowie Erfahrungen transparent.

Zuhören und ermutigen

Es mag trivial klingen, doch immer wieder scheitern Dozenten an der Aufgabe, Studierende und ihre Herausforderungen im Hochschulumfeld und darüber hinaus ernst zu nehmen. Der Hochschullehrer sollte sich Zeit nehmen, ausführliche Feedbacks geben und „auf Augenhöhe“ diskutieren. Seine Tür sollte für Studierende stets offen stehen, Anfragen zeitnah beantwortet werden. Darüber hinaus sollten Dozenten ihre Studenten ermutigen, bestimmte Herausforderungen proaktiv anzugehen – zum Beispiel den Plan eines eigenen Start-ups in die Tat umzusetzen oder sich für ein Stipendium oder ein Jobangebot mit vermeintlich hohen Hürden zu bewerben. Weiterhin gehört es zur Rolle des modernen Hochschullehrers, eigene (positive wie negative) Erfahrungen aus dem Berufsleben zu schildern oder das Praxis-Netzwerk für den Studierenden zu öffnen.

Fazit

Die reine Wissensvermittlung stellt in der heutigen Zeit nur noch den Grundstein der Hochschulausbildung dar. Die Anforderungen einer modernen Wissens- und Bildungsgesellschaft gehen darüber hinaus. Fähigkeiten als Brückenbauer, Moderator und Sparringspartner sind bei Hochschullehrern gefragt. Es ist sinnstiftend und sinnvoll – für alle Studierenden, alle Lehrenden und den Bildungsstandort Deutschland –, Inhalte mit modernen Methoden zu vermitteln, die Verknüpfung zur Praxis herzustellen und eine echte Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Studenten entstehen zu lassen.

Prof. Dr. Patricia Kraft
Über Prof. Dr. Patricia Kraft 19 Artikel
Patricia Kraft studierte BWL mit den Schwerpunkten Marketing, strategischem Management und Statistik und promovierte an der Universität Regensburg und der University of Colorado, USA im Themengebiet internationales Marketing. Während ihrer Promotionszeit wirkte sie in Regensburg maßgeblich am Aufbau von drei neuen Studiengängen im Rahmen des Elitenetzwerkes Bayern mit. Nach langjähriger beruflichen Tätigkeit in den Bereichen des Marketings und des strategischen Managements in der Investitionsgüterindustrie und Finanzdienstleistung lehrt sie an verschiedenen Hochschulen die Themengebiete Strategie, Marketing und Kommunikation. Seit 2014 ist sie Professorin an der Munich Business School und seit 2016 Studiengangsleiterin des Bachelor Programms Internationale Betriebswirtschaft.