Mein Auslandssemester: Vanessa @ National Taiwan Sports University (NTSU)

Semester Abroad NTSU

Vanessa Havens, Studentin im Programm Master Sports Business and Communication, hat ihr Auslandssemester an der National Taiwan Sports University (NTSU) in Taipeh verbracht. Hier schildert sie ihre Erfahrungen.

Der Campus

Die National Taiwan Sports University liegt etwas außerhalb der Stadt Taipeh. Glücklicherweise kam ich zur richtigen Zeit dorthin, denn die MRT (vergleichbar mit der Metro oder U-Bahn) direkt außerhalb der Uni (ca. 15 Minuten zu Fuß vom Studentenwohnheim entfernt) hatte gerade ihren Betrieb aufgenommen. An der Hochschule studieren ca. 2000 Studierende, die meisten im Fach Sport. Das bedeutet, dass sie auch für Wettkämpfe trainieren – und einige haben auch schon an den Olympischen Spielen teilgenommen.

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Das Hauptgebäude der NTSU.

Alle Kurse, die wir belegt haben, fanden im Hauptgebäude statt, im Administration and Teaching Building. Es besteht aus drei separaten Häusern, die miteinander verbunden sind. Die Ausstattung der Räume ist sehr gut, so wie wir es aus Deutschland gewohnt sind (mit Videobeamern, PCs, Klimaanlage usw.). Der Unterricht findet vor- oder nachmittags statt, aber mittags gibt es immer eine Pause, die alle hier auch einhalten.

In einem der Gebäude gibt es ein Fitnesszentrum, das man täglich von 12:30 bis 16:30 Uhr kostenlos nutzen kann. Außerhalb dieser Zeiten muss man eine Mitgliedschaft beantragen. In diesem Gebäude befindet sich auch ein Badmintonfeld. Wenn man eigene Schläger und Federbälle mitbringt, kann man auch hier einfach spielen. Ebenfalls auf dem Campus befinden sich die Bibliothek, in der man auch englischsprachige Literatur findet, ein 7-Eleven-Markt, den man täglich (!) nutzt, vor allem, um sich sein Mittag- und Abendessen zu kaufen, sowie eine Cafeteria und eine Turnhalle. Die Räume für Sport sind in ordentlichem Zustand.

 

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Das NTSU-Team beim Spiel gegen das Team der National Taiwan Normal University (NTNU) in der University Basketball League.

Auf dem Campus liegt auch das Studentenwohnheim, das nach Männern und Frauen getrennt ist. Es stehen nur Zweibettzimmer zur Verfügung, was für Taiwan absolut normal ist. Die Zimmer sind mit allem Notwendigen ausgestattet: Betten, ein Tisch, ein paar Regale und ein großer Schrank. Ein weiteres Regal befindet sich direkt vor dem Zimmer, dort werden die Schuhe abgestellt, aber auch die Waschutensilien. Das Bad ist ein Etagen-Gemeinschaftsbad. Auch die Küche und der Kühlschrank werden geteilt. Doch wenn man sein Essen kennzeichnet, geht niemand dran. Einmal am Tag geht eine Reinigungskraft oberflächlich durch die Räumlichkeiten, einmal wöchentlich wird gründlich geputzt. Das Einzige, was in den Räumen fehlt, ist eine Heizung, aber die braucht man hier weniger als die Klimaanlage. Im Winter wird es hier (zumindest während meines Aufenthalts) maximal 8 Grad kalt. Dann muss man sich einfach wärmer anziehen.

Die Kurse

Während meines Aufenthalts in Taiwan musste ich nur drei Kurse belegen. Da überhaupt nur drei Kurse in englischer Sprache angeboten wurden, fiel mir die Auswahl nicht schwer. Obwohl es hier sehr viele internationale Studierende gibt, sollte man nicht erwarten, dass die Kurse in englischer Sprache unterrichtet werden, denn viele der Studenten, die hierherkommen, können zumindest ein bisschen Chinesisch. Ich habe das auch in einer meiner Klassen erlebt: die Präsentation war auf Chinesisch und wurde vom Dozenten ins Englische übersetzt, so dass ich alles verstehen konnte. Mir gefielen vor allem die Kurse, in denen theoretisches mit praktischem Wissen verbunden wurde. Es gab zum Beispiel einen Kurs „Studium von Outdoor-Leadership“, in dem wir richtige Ausflüge gemacht haben, um die erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden. Die Beziehung zu den Dozenten ist sehr persönlich. Das habe ich erfahren, als mich einer der Dozenten zum Mittagessen eingeladen hat. Wenn man Fragen hat oder Probleme, stehen einem die Türen der Dozenten (fast) immer offen. Sie nehmen echten Anteil am Wohlbefinden und Privatleben ihrer Studenten. Daran musste ich mich anfangs erst gewöhnen, denn in Deutschland spielt sich unser Privatleben nicht ganz so in der Öffentlichkeit ab. Es wird in kleinen Klassen mit maximal 9 Teilnehmern unterrichtet, aber das kann auch daran liegen, dass meine Kurse in englischer Sprache stattfanden. Ich habe auch zweimal in der Woche Chinesisch belegt. Mir lag daran, den Menschen meine Dankbarkeit zu zeigen für all die Unterstützung, die mir gewährt wurde. Wir waren nur drei Studenten, deshalb war es eine gute Lernatmosphäre.

Kulturelle Unterschiede

Als Allererstes fiel mir auf, welch wichtige Rolle das Essen in Taiwan spielt. Niemand lässt hier auch nur eine Mahlzeit aus! Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind immer große Gesprächsthemen und ein Grund, sich zusammenzusetzen. Alle Mahlzeiten sind warm. Erzählt man, man esse Brot oder Müsli zum Frühstück, erntet man Unverständnis. Trifft man tagsüber jemanden, lautet eine der ersten Fragen immer: „Hast Du schon gefrühstückt/ zu Mittag gegessen?”, so wie wir in Deutschland „Wie geht’s dir?“ fragen. Selbst wenn man noch nichts gegessen hat, kann man ruhig mit ja antworten, denn wenn man nein sagt, denken alle, man fühlt sich nicht wohl (wie gesagt: Essen ist hier wirklich sehr wichtig!).

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Ein typisches taiwanesisches Hot-Pot-Menu.

Da es auf dem Campus keine Möglichkeit gibt, richtig zu kochen, geht man normalerweise essen. Das ist hier wirklich preiswert. Für eine volle Mahlzeit muss man selbst in normalen Restaurants nie mehr als 5 oder 6 € zahlen. Für nur 70 NT-Dollar (etwa 2,50 €) bekommt man schon ein vernünftiges Mittagessen. Es ist anders als in Deutschland, denn das Essen ist in weniger als zehn Minuten fertig. Essen gehen ist also schnell und bequem. Und auch das Äußere spielt keine Rolle. Manchmal sieht ein Lokal etwas verwahrlost aus, aber das Essen ist trotzdem sehr schmackhaft. Kleiner Hinweis: Wenn die Schlange vor dem Laden sehr lang ist, dann lohnt es sich zu warten!

Die Taiwanesen duschen abends vor dem Schlafengehen, nicht morgens. Ich weiß bis heute nicht warum. Im Studentenwohnheim ist es egal, ob man morgens oder abends duscht, denn es gibt immer heißes Wasser. Wenn man woanders (etwas privater) wohnt, sollte man sich vorher erkundigen, sofern man keine kalten Duschen mag.

Viele kennen es vielleicht aus Filmen – und es stimmt: Bevor man ein Haus, eine Wohnung oder sogar einen Raum in einem Studentenwohnheim betritt, muss man die Schuhe ausziehen. Das gilt auch für einige Räume in der Uni (zum Beispiel für den Raum, in dem die Ausrüstung für die Outdoor-Aktivitäten aufbewahrt wird). Normalerweise hält man für Gäste Hausschuhe bereit.

Fazit

Eines muss ich wirklich sagen: Die Taiwanesen sind die freundlichsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Die Studierenden hier helfen einem immer, egal, welches Problem man hat. Wenn man dafür offen ist, führen sie dich herum, nehmen dich mit in Läden und Lokale, bestellen für dich mit (weil die meisten Restaurants keine Speisekarte in englischer Sprache haben) usw. Du kannst sie immer per SMS oder über WhatsApp usw. kontaktieren, wenn du etwas brauchst – sie freuen sich, dir zu helfen. Gleichzeitig geben sie dir das Gefühl, dass du der netteste Mensch auf Erden bist. Und wenn du ein paar chinesische Wörter lernst, freuen sie sich umso mehr. Sie sind immer überrascht, wenn ein Ausländer Chinesisch spricht.

Ich kann die NTSU allen wirklich nur empfehlen. Die Atmosphäre ist toll zum Lernen, um Freundschaften zu schließen, für Sport und auch dafür, die Kultur zu erleben. Mit der MRT und den Bussen ist es auch kein Problem, in der freien Zeit die Stadt zu erkunden. Wenn man alleine ist, finden sich immer andere Studierende, die mitkommen. Sie sind anfangs vielleicht ein bisschen schüchtern, weil sie Hemmungen haben, Englisch zu sprechen. Dabei sind ihre Sprachkenntnisse wirklich gut! Man sollte ihnen etwas Zeit lassen, offen sein und sich auch nicht genervt fühlen, wenn es mit den Antworten manchmal etwas länger dauert. Bislang bereue ich nur eines: Dass ich mich nur für ein Semester hier angemeldet habe.