Welche Rolle spielt Elektromobilität in der Zukunft? Teil 3: Welchen Beitrag kann die Forschung dazu leisten?

Teil 1,

Ökonomische und ökologische Anforderungen machen die Elektromobilität zur attraktiven Lösung für die Zukunft. Dabei liegt es unter anderem an der Wirtschaft, Politik und Energiepolitik Elektromobilität nachhaltig am Markt zu etablieren. Doch welchen Beitrag kann die Forschung dazu leisten?

Mit dieser Frage befasst sich u.a. das Forschungs- und Entwicklungsprojekt SMART EM, das aus einem Konsortium aus Wissenschaft und Wirtschaft besteht. Ziel ist es, geeignete Geschäfts- und Marktmodelle sowie eine technische Infrastruktur zu identifizieren, die Elektrofahrzeugen langfristig zum Erfolg verhelfen können. „Denn eine erfolgreiche Einführung und Verbreitung der Elektromobilität erfordert nicht nur technische Lösungen wie standardisierte Ladestationen, eine Weiterentwicklung der Batterietechnik oder die Vergrößerung der Reichweite durch ein optimiertes Energiemanagement im Fahrzeug“, betont Prof. Dr. Gregor Engels, wissenschaftlicher Koordinator des Projekts. „Vielmehr werden tragfähige Geschäfts- und Marktmodelle benötigt, die die unterschiedlichen Interessen der Menschen, Unternehmen und des Staats berücksichtigen.“ Nur dann werde sich Elektromobilität als erfolgreiches Mobilitätskonzept durchsetzen, ist sich das Projektkonsortium sicher.

„Diese Markt- und Geschäftsmodelle sollen mit Hilfe von Zukunftsszenarien, Computersimulationen und Verfahren der mathematischen Optimierung gefunden und auf ihre Tragfähigkeit hin überprüft werden“, erläutert Projektmanager Dr. Stefan Sauer, Geschäftsführer des s-lab – Software Quality Lab der Universität Paderborn. Die erforderlichen Daten liefern die Projektpartner. Das sind die Universität Paderborn sowie der Stromnetzbetreiber Westfalen Weser Energie (vormals E.ON Westfalen Weser), die Paderborner IT-Unternehmen Morpho und Orga Systems sowie die Managementberatung UNITY AG. „Aus den Daten wird ein branchenübergreifendes Modell entwickelt, das in die Simulation eingeht“, so Dr. Sauer.

„Neben dem Einfluss technologischer Entwicklungen sollen Auswirkungen dynamischer Tarifsysteme auf das Nutzer- und Systemverhalten untersucht werden“, betont Dr. Dirk Fischer, Forschungsleiter beim Abrechnungsexperten Orga Systems das Interesse seines Unternehmens an dem Projekt. „Morpho untersucht die sichere Identifikation und Kommunikation von Fahrzeugen und Komponenten der Ladeinfrastruktur“, wie Carsten Rust erläutert, Projektmanager des führenden Unternehmens in den Bereichen Identifikation und sichere Dokumente. „Westfalen Weser Energie liefert für das Projekt relevante Netzdaten und beschreibt die Auswirkungen der Modelle auf Netzplanung und -betrieb“, skizziert Manfred Junker vom regionalen Netzunternehmen Westfalen Weser Netz GmbH. Für die UNITY AG sollen sich aus den neuen Erkenntnissen vielfältige Beratungsansätze für die bevorstehende Gestaltung von Geschäftsmodellen bei heutigen und zukünftigen Kunden ergeben. „Die Elektromobilität bringt erhebliche Veränderungen und Risiken, denen wir mit tragfähigen Geschäftsmodellen positiv entgegenwirken können“, erklärt Tomas Pfänder, Mitglied des Vorstands der UNITY AG, das Ziel.

Weil für eine solche ganzheitliche Herangehensweise viele unterschiedliche Experten benötigt werden, sind fünf Institute der Universität Paderborn beteiligt: die beiden Wirtschaftsinformatik-Lehrstühle von Prof. Dr. Leena Suhl und Prof. Dr. Dennis Kundisch, die von Prof. Dr. Engels geleiteten Informatik-Institute C-LAB und s-lab sowie die Experten für Hochleistungsrechnen des Paderborn Center for Parallel Computing (PC²) unter Leitung von Prof. Dr. Holger Karl. Mit der UNITY AG bringt auch die Munich Business School eine Marketingperspektive in das Projekt mit ein. Um für alle Projektpartner ein gemeinsames Bild von den zukünftigen Strukturen und Rahmenbedingungen der Elektromobilität zu schaffen, entwickelte das Projektkonsortium mit Hilfe der Szenario-Technik verschiedene Zukunftsbilder. Im Projekt SMART EM bilden die Szenarien eine wichtige Eingabegröße für die Simulation, da hiermit die externen Rahmenbedingungen festgelegt werden und unterschiedliche Entwicklungen betrachtet werden können.

In einem ersten Schritt wurden von allen Partnern mögliche Einflussgrößen auf die Zukunft der Elektromobilität gesammelt und beschrieben. Mithilfe einer Systemanalyse konnten die Faktoren identifiziert werden, die eine sehr starke Vernetzung aufweisen und damit die Eckpunkte der zukünftigen Entwicklungen bilden. Für diese so genannten Schlüsselfaktoren wurden in einem nächsten Schritt mögliche zukünftige Ausprägungen (Projektionen) entwickelt und in einem Katalog detailliert dargestellt. Durch das Zusammenfügen von in sich konsistenten Projektionen verschiedener Schlüsselfaktoren entstanden insgesamt vier Szenarien, die die gesamte Bandbreite der zukünftigen Entwicklung abbilden. Von einer geringen Chance für Elektromobilität über ein Nischendasein oder als gleichwertige Alternative zu anderen Antriebstechnologien bis hin zum flächendeckenden Durchbruch der E-Fahrzeuge sind in den Szenarien alle denkbaren zukünftigen Entwicklungen enthalten.

Zu berücksichtigen ist dabei insbesondere, dass die Nutzer der Elektroautos eine heterogene Gruppe darstellen, ein Angebot nach der Methode „one fits all“ funktioniert deshalb nicht. Die kundengerichteten IT-Prozesse werden neben der Dienstleistung selbst wesentlich über den Erfolg der Elektromobilität entscheiden. Nur deren konsequente Weiterentwicklung stellt sicher, dass die Elektromobilität wirtschaftlich vermarktet werden kann. Dabei gilt es, Stolperfallen wie mangelnde oder ineffiziente Kooperationen, fehlende Standardisierung oder Qualitätsprobleme rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden.

Wie die drei Beiträge zeigen, sind in den kommenden Jahren die Akteure der Elektromobilität gefragt, Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu bewerten. Darin liegt eine wesentliche Kompetenz, um die Chancen des anstehenden Umbruchs erfolgreich zu nutzen. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermarktung ist dann geschaffen, wenn ökologisches Fahren zu einem positiven emotionalen Erlebnis für den Nutzer wird.

Mehr zur Rolle der Dienstleitung als einer der potenziellen Wegbereiter der Elektromobilität in einem der nächsten Blogs.

Prof. Dr. Hans H. Jung
Über Prof. Dr. Hans H. Jung 43 Artikel
Hans H. Jung ist seit 2012 Professor für das Lehrgebiet Marketing an der Munich Business School. Nach seiner Promotion war Jung mehrere Jahre als Manager und Berater für Premium-Automobilhersteller im In- und Ausland tätig. Seit 2011 arbeitet er als Senior Manager bei der Managementberatung UNITY AG.