Was uns das Schreiben für unsere Gesundheit nützt: Interaktive Gastvorlesung „The Power of Writing“ mit Prof. Dr. Silke Heimes

Silke Heimes Portrait

„Poesietherapie, bitte was?“ dachte ich, als ich vor einigen Wochen im Radio diesen Begriff hörte, nebenbei, als ich zum Kaffee holen in die Küche kam. Die Beispiele und Ausführungen machten mich so neugierig, dass ich recherchierte: Schreibtherapie, oft auch Poesietherapie genannt, ist eine mittlerweile sehr gut erforschte Methode, das seelische und körperliche Wohlbefinden zu steigern und das Schreiben als eine Stütze für den Alltag, aber auch für Heilungsprozesse zu nutzen. „Schreiben hat viele Funktionen: Selbstreflexion, Erkenntnis, es hilft bei Entscheidungsprozessen, ist Verarbeitung und entlastet von bestimmten Dingen“, sagt Schreibtherapeutin Prof. Dr. Silke Heimes. „Schreibt man regelmäßig, kann es so etwas wie eine Seelenhygiene sein.“ (Ziegler, 2016).

Silke Heimes, die auch in dem besagten Radiobeitrag zitiert wurde, erklärte sich auf Anfrage sofort bereit, über das Thema an der Munich Business School zu referieren, und so fanden sich am Abend des 14. Aprils rund 40 Studierende, Dozierende und Mitarbeitende der MBS zu einer interaktiven Vorlesung zusammen.

Schreibtherapie für ein besseres Wohlbefinden

Prof. Dr. Silke Heimes ist eine ausgewiesene Kennerin der Materie, Ärztin, Germanistin und Professorin an der Fachhochschule Darmstadt für Wissenschaftsjournalismus sowie Autorin zahlreicher Bücher. Sie stellte uns eine Reihe von Studien vor, die verschiedene Wirkungen des Schreibens belegen: Nur wenige Tage hintereinander für zwanzig oder auch nur fünf Minuten zu schreiben, verbessere durchwegs das Wohlbefinden, die körperliche und seelische Gesundheit, lindere Stress, ordne Chaos, stimuliere die Fantasie, fördere die Kommunikation und stärke das Selbstvertrauen, um nur einige der positiven Effekte zu nennen. Regelmäßiges Schreiben sei im Grunde Mentalhygiene. Keine Zeit sei kein Argument, schließlich habe man auch Zeit für die körperliche Hygiene, so Heimes.

Für eine Studie wurden Studienanfänger*innen an drei aufeinanderfolgenden Tagen für jeweils zwanzig Minuten gebeten, über ihren Wechsel ans College und den Studienbeginn zu schreiben; die Kontrollgruppe sollte sich oberflächlichen Themen widmen. Der positive Effekt zeigte sich bei den Studierenden in einer geringeren Anzahl von Arztbesuchen und einem besseren Gesundheitszustand, auch die Durchschnittsnoten und die Stimmungslage wurden leicht zum Positiven beeinflusst (Pennebaker/Colder/Sharp, 1990). Sehr überzeugende Beispiele aus der Forschung, die auch einige der MBS-Studierenden aus eigener Erfahrung bestätigten. Sie waren im Vorhinein gebeten worden, Fragen über die Wirkung des persönlichen Schreibens zu beantworten.

Auf die Frage eines Studenten, ob man solche Wirkungen nicht auch auf andere Art und Weise erzielen könne, hieß es: Klar, zum Beispiel mit Musik oder Malerei – wie das bereits in Form der Kunst- und Musiktherapie anerkannt ist. Nur brauche man beim Schreiben keinerlei Anleitung, Vorbereitung oder Einführung, nur einen Stift und Papier und schon könne man loslegen. So auch die Teilnehmer*innen der interaktiven Vorlesung. Die erste Schreibaufgabe des Abends lautete: Welche Gedanken und Gefühle sind genau jetzt in dir? Wir hatten dafür fünf Minuten Zeit.

„Ich bin erleichtert und fühle mich, als hätte ich Gepäck abgelegt.“

Sie habe gemerkt, wie viele Gedanken in ihrem Kopf seien, vom gesamten Tagesablauf bis hin zu Harry Potter – wie der wohl dahin gekommen sei? – die Gedanken und Gefühle würden in ihrem Kopf tanzen, berichtete eine Teilnehmerin über die Schreiberfahrung. Ein Student fügte hinzu: „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, Gepäck mit mir herumzutragen, das ich jetzt endlich absetzen kann.” Er schreibe den ganzen Tag im Beruf, E-Mails, Notizen und so weiter, doch niemals Persönliches. Als er jetzt schreiben sollte, was gerade in ihm ist, hatte er das Gefühl, es endlich loslassen zu können. Er fühle sich erleichtert, das sei ein einzigartiges Gefühl.

Silke Heimes erläuterte diesen Sachverhalt folgendermaßen: „Es besteht ein großer Unterschied zwischen funktionalem und emotionalem Schreiben. Das funktionale Schreiben muss einen Zweck erfüllen, genauen Vorgaben folgen und der Erfolg wird von außen gemessen. Emotionales Schreiben hingegen folgt keinerlei Regeln, wird nicht von der Außenwelt, von Dritten beurteilt, es ist ein sehr persönlicher Schreibprozess, eine sehr persönliche Auseinandersetzung, ohne Selbstzensur.“ Schreiben – wie auch die Musik und die Malerei – biete als eine Form des Ausdrucks einen Zugang zu unserem Unterbewusstsein, das über eine größere Weisheit verfüge als unser wacher Verstand. „Auf dem Papier können wir ehrlich sein bis auf die Knochen, müssen niemandem etwas vorspielen. Der Anfang ist so einfach“, so Heimes weiter. Am besten nutze man dafür im Übrigen die Hand und nicht die Tastatur, das verlangsame den Prozess und lasse der Fantasie mehr Raum. 

Über Prof. Dr. Gabriella Maráz 34 Artikel
Gabriella Maráz ist Professorin für Interkulturelles Management und Methodenlehre mit den Schwerpunkten Informations- und Kommunikationspsychologie und Arbeitstechniken.