Wie Unternehmen die digitale Transformation strategisch bewältigen können und wettbewerbsfähig bleiben

MBS Insights: Welche Rolle spielen in diesem Kontext neue Geschäftsmodelle?

Lennard Grewe

Lennard Grewe: Die Rolle gänzlich neuer Geschäftsmodelle im Kontext der Digitalisierung wird meines Erachtens von vielen etablierten Unternehmen überschätzt. Wie Michael schon angerissen hat, gibt es eine Vielzahl an Geschäftsmodellen, die durchaus noch relevant sind und lediglich angepasst werden müssen. Schließlich sollte die Digitalisierung dazu führen, das bestehende Geschäftsmodell moderner und optimierter aufzustellen. Ein neues Geschäftsmodell kann als Testballon dienen, aber nicht dazu, eine bestehende Organisation digital zu wandeln.

MBS Insights: Wie schafft man es, wettbewerbsfähig zu bleiben?

Michael Rüdiger: Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Unternehmen eine nicht unbedeutende strategische Flexibilität aufweisen. Unternehmen müssen das aktuelle nationale und internationale Marktgeschehen sehr genau mit Hinblick auf das eigene Geschäftsmodell oder die eigenen Prozesse im Auge behalten. Je nach Entwicklung, muss man in der Lage sein, sich selbst und dem eigenen Unternehmen einzugestehen, dass existierende Kernkompetenzen und/oder Wettbewerbsvorteile ihre Bedeutung verloren haben und man sich neu erfinden muss. Schnelligkeit und Bestimmtheit in der Umsetzung von Änderungen ist von entscheidender Bedeutung. Die nationale und internationale Konkurrenz schläft nicht und gerade im digitalen Umfeld sind First Mover-Vorteile von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

MBS Insights: Was haben Veränderungsbereitschaft und digitale Strategien gemeinsam?

Lennard Grewe: Die Gewissheit, dass a) es möglich ist, sich jeden Tag neu zu erfinden und b) Fortschritt immer auch mit Fehlern bzw. Misserfolgen verbunden ist – im Sinne von Fail to Learn.

MBS Insights: Welche Werkzeuge und Techniken gibt es, um die notwendige Transformation zu steuern?

Michael Rüdiger: Um Transformationen zu steuern, müssen wir uns bewusst darüber sein, welche Geschäftsmodelle oder Prozesse schon in der freien Wirtschaft existieren oder welche sich in der Entstehung befinden. Dieses Wissen kann dann verwendet werden, um die Notwendigkeit für proaktives Handeln zu rechtfertigen. Proaktives Handeln kann darauf abzielen, mit führenden Unternehmen gleichzuziehen oder aber die vorher schon angesprochenen First Mover-Vorteile zu sichern. In zahlreichen Gesprächen mit Unternehmen wird immer wieder deutlich, dass die meisten Unternehmen Initiativen in Bezug auf digitale Transformation und Industry 4.0 initiiert haben. Meist sind sie aber sehr unsicher, inwieweit sich diese Initiativen, mit denen der Konkurrenz im In- oder Ausland vergleichen lassen und wieviel konkreter weiterer Handlungsbedarf wirklich besteht. Benchmarking und die Analyse von Use-Cases sind hier von entscheidender Bedeutung. Hier sehe ich auch eine der Kernaufgaben von Hochschulen und Executive Education in der Zusammenarbeit mit Unternehmen, ihnen diese Informationen zur Verfügung zu stellen.

MBS Insights: Wie vermittelt man die digitale Vision an alle Beteiligten?

Michael Rüdiger: Ich bin fest davon überzeugt, dass den meisten Mitarbeiter*innen heute die Bedeutung einer proaktiven Antwort auf den digitalen Wandel bewusst ist. Digitalisierungsinitiativen müssen offen und ehrlich, mit allen Vor- und Nachteilen kommuniziert werden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es ein guter Ansatz ist, Mitarbeiter*innen, aber auch Kund*innen und Lieferant*innen über den aktuellen Stand der digitalen Vision oder der Digitalisierungsinitiativen zu informieren. Die Vermittlung sollte über mehrere Medien erfolgen. Natürlich können offizielle Dokumente per E-Mail versandt werden, es sollte aber auch Diskussionsrunden geben, in denen Stakeholder Antworten auf ihre Fragen finden. Will man breite Unterstützung und Akzeptanz für eine neue digitale Vision erreichen, dann müssen Stakeholder kontinuierlich informiert und in den Prozess mit eingebunden werden.

MBS Insights: Welche Unternehmen sind für Sie Best Practice Beispiele im Umgang mit digitaler Innovation und Transformation?

Lennard Grewe: Mir fallen hierbei vor allem mittelständische Unternehmen ein, die Digitalisierung weder verteufeln noch glorifizieren, sondern Wege beschreiten, auf denen Digitalisierung positiv für Mitarbeiter*innen und Stakeholder wirken kann.
Als Beispiel könnte man hier etwa Breuninger nennen: Vor ca. acht bis zehn Jahren noch ein stark auf den Verkauf fokussiertes Unternehmen, das mittlerweile die einzelnen Kund*innen in den Mittelpunkt stellt und nicht mehr in Kanälen denkt, sondern in Touchpoints, die im digitalen Kontext natürlich mannigfaltig ausfallen können. So gelingt es, die Kund*innen individuell abzuholen, obwohl sich das Geschäftsmodell nicht großartig geändert hat. Die Mitarbeiter*innen werden konstant geschult und zu den neuesten digitalen Entwicklungen abgeholt. Es wird viel getestet und somit viel Raum für die Erprobung neuer Ideen und Ansätze geschaffen – im Retail-Bereich (beispielsweise durch digitale Umkleiden) wie auch im Social/Mobile-Bereich.