Management-Grundlagen – die Wahrheit über Ihr Zuspätkommen

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Haben Sie sich schon mal verspätet? Wer nicht! Aber haben Sie dies dann mit dem Rezenzeffekt begründet? Wohl kaum – auch wenn Sie damit näher an der Wahrheit wären, als wenn Sie die Schuld auf die öffentlichen Verkehrsmittel schieben.

Rezenzeffekt bedeutet: Menschen erinnern sich in besonderem Maße an kürzlich wahrgenommene Ereignisse. Falls es Sie interessiert: Die Fähigkeit, sich an weiter zurückliegende Vorkommnisse zu erinnern, bezeichnet man als Primäreffekt. Beide sind kognitive Verzerrungen. Es gibt eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen kognitiven Verzerrungen, die zu gelegentlich unlogischen Schlussfolgerungen und gestörter Wahrnehmung führen können. Dadurch kann die Entscheidungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt werden (mehr dazu in späteren Ausgaben meiner Management-Grundlagen-Reihe in diesem Blog).

Doch was bedeutet das nun in Bezug auf Ihr Zuspätkommen? Es bedeutet, dass Sie sich höchstwahrscheinlich durch ein Ereignis in der Vergangenheit zu der Annahme verleitet fühlen, Sie könnten immer pünktlich sein. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Sie sind eines Tages zu spät aus dem Haus gegangen (hatten verschlafen, die Kinder wurden nicht fertig oder Sie hatten eine Auseinandersetzung mit Ihrer besseren Hälfte – was auch immer). Um die Verspätung wieder aufzuholen, sind Sie zur Bushaltestelle gerannt. Der Bus war zeitgleich mit Ihnen da (normalerweise nehmen Sie einen Bus früher, um pünktlich zu sein oder um wenigstens nicht in letzter Minute völlig außer Atem im Büro einzutreffen). Und schon kurze Zeit später waren Sie im Büro/ an der Uni angekommen und auf dem Weg ins Meeting/ in den Unterricht. Klasse! Sie hatten es geschafft! Obwohl Sie so furchtbar spät aufgebrochen waren, waren Sie immer noch pünktlich.

Und dann passiert es wieder

Und dann, eine Woche später, passiert es wieder. Die Küchenuhr zeigt Ihnen an, dass es genauso spät ist wie letzte Woche, als Sie ebenfalls zu spät das Haus verlassen haben. Aber diesmal kommen Sie zu spät an. Warum? Vielleicht gab es diesmal keine grüne Welle oder es dauerte länger, weil es mehr Fahrgäste waren, weil letzte Woche Ferien und die meisten Leute in Urlaub waren; vielleicht war der Bus beim letzten Mal eigentlich zu früh dran, auf der Strecke hatten sich keine Unfälle ereignet, Sie wurden von niemandem auf dem Weg ins Gebäude für ein Gespräch aufgehalten, Ihnen war nicht dieser ganze Stapel Papier aus der Hand gerutscht, Sie haben sich nicht dreimal vergewissert, die Haustür tatsächlich abgeschlossen zu haben usw.

Egal wodurch Sie „ausgebremst“ wurden – der Fehler ist und bleibt im Rezenzeffekt begründet. Denn Sie sind davon ausgegangen, Sie würden genau dieselbe Zeit zu Ihrem Ziel benötigen wie beim letzten Mal, als Sie spät dran waren. Daran sind weder der Bus noch der öffentliche Nahverkehr schuld. Es ist immer schwierig, die Zukunft vorherzusagen. Aber weil wir nur Menschen sind, erwarten wir, dass sie genauso ist wie die Vergangenheit.

Beeinflusst uns der Rezenzeffekt auch noch in anderer Hinsicht? Aber ja doch! Ich merkte, wie er sich wieder in mein Leben drängte, als mir auffiel, dass ich mich für einen neuen Nachhauseweg entschieden hatte: Auf meiner üblichen Strecke waren häufig Glasscherben auf dem Radweg. Heißt das jetzt, dass auf der anderen Strecke auch überall Glasscherben liegen? Nein. Tatsächlich weiß ich erst dann, ob auf dem Radweg Glasscherben sind, wenn ich diesen Weg nehme. Mein Gehirn hielt mich jedoch aufgrund von schlechten Erfahrungen unbewusst davon ab, diesen einen Weg zu nehmen.

Der Rezenzeffekt beim Handeln

Diese kognitive Verzerrung beeinflusst auch Investitionen. Haben Sie jemals teuer eingekauft und billig verkauft? Da sind Sie kein Einzelfall. Terrance Odean berichtet nach seiner Untersuchung von über drei Millionen Börsengeschäften von mehr als 75.000 amerikanischen Haushalten, dass der „Durchschnittsmensch kurz nach Preiserhöhungen aggressiver kauft, nicht nur nach dem Boom von gestern. Die Leute kaufen aufgrund einer Kombination von Preiserhöhungen der jüngsten Zeit und einem längerfristigen ‚Trend‘ zu Preissteigerungen, den sie vielleicht wahrnehmen.“ (Jason Zweig, 2007, 73: Your Money and Your Brain).

Das bedeutet, dass die Marktentwicklung der letzten Wochen uns stärker beeinflusst als die Entwicklung in den letzten Monaten und was wir daraus für die Zukunft geschlossen hätten. Einfach gesagt: Der Rezenzeffekt. Jetzt wissen Sie, warum Sie teuer eingekauft und billig verkauft haben. Und Sie können dies in Zukunft vermeiden.

Auch beim Sport begegnet uns der Rezenzeffekt. Noch im Sommer ging ich davon aus, dass meine Lieblings-Fußballmannschaft wohl nur die Hälfte ihrer Spiele gewinnen würde (8 von 16). Nachdem sie aber in der Vorsaison alle Spiele gewonnen hatte, war ich überzeugt davon, dass es eine richtig tolle Saison werden würde. Ich setzte auf mehr Siege! Vielleicht würde mein Team nur drei Spiele verlieren?!

Der Rezenzeffekt war wieder eingetreten. Aber es kam noch schlimmer, denn weil die Mannschaft mehr Spiele verlor als gewann, meckerte ich über einfach alles, was mit ihr zusammenhing. Das geht allen Fans so, glaube ich. Aber ist das nicht seltsam? Schließlich deckten sich die Leistungen der Spieler genau mit meinen Erwartungen an sie aus dem Sommer. Dieser blöde Rezenzeffekt. Vielleicht wirkt er sich auch auf erträumte Fußballergebnisse aus.

Passen Sie auf!

Seien Sie vorsichtig: Marketingexperten kennen diesen Effekt ebenfalls! Sie setzen ihn permanent zur Beeinflussung Ihrer Kaufentscheidungen ein. Und es gibt noch viele weitere Bereiche, in denen der Rezenzeffekt uns beeinflusst. Wir müssen nur wissen, wann dies passiert und ob wir etwas dagegen unternehmen können.

Um die Klammer zu schließen: Wenn Sie das nächste Mal zu spät kommen, erklären Sie dies mit dem Rezenzeffekt. Diese Entschuldigung kennt Ihr Chef/ Ihr Professor vielleicht noch nicht, und sie ist immerhin ehrlich. Sollte das nicht funktionieren, bringen Sie einfach einen Schokokuchen mit, wenn Sie wieder zu spät dran sind.

Prof. Dr. Christopher Weilage
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Christopher Weilage, Professor für Betriebswirtschaft und Business Communication, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen International Business und Kommunikation. Weilage absolvierte seinen MBA International Business an der Moore School of Business der University of South Carolina, USA und anschließend den IMBA International Business an der Helsinki School of Economics and Business in Finnland. Am Lehrstuhl für Deutsch als Fremdsprache der LMU München promovierte der gebürtige US-Amerikaner zum Thema E-Learning.