Der Kuh auf den Zahn fühlen

MBS Getting to the Milk of It
© Lynn_Bystrom – iStock.com

Wenn man in einem anderen Land Milch kaufen geht, kann es zu so mancher Verwirrung kommen. Hier in Großbritannien (und meiner Erinnerung nach auch in den USA) ist die Produktauswahl begrenzt. In Großbritannien ist auf der Verpackung nicht der genaue Fettgehalt angegeben, es gibt einfach Vollmilch, fettarme Milch oder entrahmte Milch. Die Käsetheke ist klein und beschränkt sich in erster Linie auf sechs verschiedene Cheddar- und einige Blauschimmelkäsesorten – und ja, das sind dann auch schon etwa 95 Prozent aller erhältlichen Käsesorten. Langweilig, ich weiß. Dafür erreicht die typische britische Sahne-Kühltheke ganz eigene Dimensionen: es gibt Sahne mit einfacher und doppelter Rahmstufe, Schlagsahne, flüssige Sahne, besonders fettreiche Sahne usw.

In Deutschland sorgen die Erzählungen philippinischer Studenten über ihre Erfahrungen beim Milchkauf immer für Heiterkeit, und das ist auch verständlich. Allein schon das Milchregal im HIT-Supermarkt in der Nähe der Munich Business School ist gewaltig. Welche Milch soll man nur kaufen? Bio-Milch? Herkömmliche Milch? Rohmilch? Mit welchem Fettgehalt (0,7, 1,5, 3,5 oder 3,8 Prozent)? Und von welchem Hersteller? Für viele ist das ein bisschen wie mit dem berüchtigten Kartoffelchips-Regal in amerikanischen Supermärkten. (Übrigens habe ich einmal gelesen, dass Deutschland das Land mit der größten Auswahl an Käse und Brot ist. Nach zwei Jahren in Großbritannien und zahlreichen Reisen in weitere europäische Länder kann ich dies bestätigen.)

Als ich zuletzt Besuch hier in Großbritannien hatte, erklärte ich meinen Gästen, die eine wesentlich größere Auswahl an Milch gewohnt waren, die Unterschiede in Sachen Milchauswahl. Sie kauften für eine Woche ungefähr acht Liter (in Großbritannien wird Milch übrigens noch in britischen Pints gemessen), diverse Cheddarsorten zum Probieren und Unmengen Sahne mit hohem Fettgehalt zur Zubereitung von Eiscreme – alles zu Preisen, die ich für ziemlich niedrig hielt. Deshalb dachte ich mal wieder darüber nach, wie umweltverträglich diese Milchprodukte wohl sind? (Diese Überlegung rief auch Erinnerungen wach an einen Bericht des EBS International Business Project über Kühe und Alternativen zum Milchkonsum.)

Während aktuell diverse Studien die positiven Eigenschaften von Milch hervorheben, führen andere das Argument an, dass Kuhmilch zwar sehr gesund für das Kalb ist, erwachsene Menschen aber keine Milch benötigen. Wiederum anderen Studien zufolge führt ein zu hoher Konsum von Milch (und Milchprodukten) z.B. zu Prostatakrebs (Canadian Cancer Society). Egal welcher Studie Sie glauben möchten und warum, es geht hier um uns als Weltbürger und um die Umwelt.

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Zu hohes Angebot? Nachfrage steigern!

Die Milchpreise sind in der letzten Zeit relativ niedrig, was bedeutet, dass das Angebot hoch ist. Was macht also der Bauer (bedenken Sie, dass es sich um Milch handelt und Kühe zweimal am Tag gemolken werden müssen)? Ganz einfach: Er erhöht die Nachfrage mithilfe eines Bauernverbandes.

In den USA gibt es eine Organisation, die genau das tut, die Dairy Management Inc. Sie arbeitet mit Fastfood-Anbietern zusammen, um neue Milchprodukte zu entwickeln und anzubieten. Dairy Management beschäftigt „Milcherzeugnis-Wissenschaftler“, die sie in die Zentralen von Unternehmen schicken, damit sie bei der Entwicklung neuer Gerichte helfen. So steigern sie die Verwendung von Milchprodukten. McDonald’s hatte sich zum Beispiel das Ziel gesetzt, seine Produktpalette zwischen 2012 und 2014 um über drei Milliarden Pfund an Milchprodukten zu erweitern (dairy.org).

Zumindest einige solcher Anstrengungen scheinen zu funktionieren, denn wie der Vergleich der Jahre 2014 und 2015 zeigt, ist in den USA der Pro-Kopf-Verbrauch von Butter und Käse (zusammengerechnet) um ein Pfund gestiegen, und der Gesamtverbrauch erreichte laut Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) die Rekordmarke von 627 Pfund Milchprodukten pro Person (https://www.ers.usda.gov/data-products/dairy-data/).

Doch obwohl die Nachfrage in die Höhe getrieben wurde, wurden 2016 über 43 Millionen Gallonen (195 Millionen Liter) Milch weggekippt (wächst Gras vielleicht besser, wenn man es mit Milch düngt?). Das ist eine ganze Menge Milch, die einfach im Müll landet. Teil dieses Problems ist der globale Überschuss. Viele Bauern zielten anscheinend auf eine Produktionssteigerung ab, nachdem der Milchpreis und die Nachfrage 2014 hoch gewesen waren; doch 2016 fielen die Preise dann wieder um 33 Prozent. Die USA hatten mit über 40.000 Kühen aufgestockt, wobei jede davon 1,4 Prozent mehr Milch produzierte (Morgan 2016). Die USDA (11. Oktober 2016) stellte 20 Millionen US-Dollar zum Aufkauf von überschüssigem Käses bereit, um den Bauern aus dieser misslichen Lage zu helfen. Anscheinend sind mittlerweile auch Kühe und Bauern “too big to fail”…

Das Problem mit den Kühen

“Darf ich Ihnen den größten Umweltzerstörer der Welt vorstellen? Es ist nicht das Auto, oder das Flugzeug, oder gar George Bush: es ist die Kuh“ (Lean 2006). In „The Independent “ (Lean 2006) werden folgende Probleme mit Wiederkäuern behandelt (http://aitc.ca/bc/uploads/ruminants.pdf), womit in erster Linie Kühe gemeint sind:

  • Nutztiere erzeugen 18 Prozent der Treibhausgase (das ist die am häufigsten genannte Zahl und stammt von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen)
  • Die Atmung des Viehs sowie dessen Dung sind verantwortlich für ein Drittel der Methanemissionen (dieses Gas erwärmt die Erde 20-mal schneller als CO2)
  • Zwei Drittel der weltweiten Ammoniakemissionen gehen ebenfalls auf das Konto der Nutztiere; diese Emissionen verursachen sauren Regen
  • Die Nutztierhaltung ist maßgeblich für die Abholzung der Wälder verantwortlich
  • Kühe benötigen etwa 1000 Liter Wasser, um einen Liter Milch zu produzieren (Berichte zum Wasserverbrauch variieren, doch die meisten Berechnungen belaufen sich auf rund 1000 Liter. Erfreulicherweise ist Bier weit unten auf der Liste! Diese finden Sie unter: https://www.theguardian.com/news/datablog/2013/jan/10/how-much-water-food-production-waste)
  • Der Viehbestand führt zum Umkippen von Teilen der Ozeane, was bedeutet, dass es dort kein Leben mehr gibt; die betroffenen Gebiete beliefen sich im Jahr 2008 auf etwa 245.000 Quadratkilometer (Spector 2013, mehr Informationen dazu finden Sie unter http://www.businessinsider.com/map-of-worldwide-marine-dead-zones-2013-6?IR=T)

Weitere Informationen aus dem UN-Bericht über Rinder finden Sie hier: http://www.un.org/apps/news/story.asp?newsID=20772#.WMca8xicbR0. Der vollständige Bericht ist hier verfügbar: http://www.fao.org/docrep/010/a0701e/a0701e00.HTM.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Vegetarier, mag wirklich alle möglichen Käsesorten und liebe gute Eiscreme (ok, Casu Marzu wäre vielleicht der erste Käse auf meiner Liste von Dingen, die ich niemals essen würde. Vielen Dank an dieser Stelle an meine italienischen Studenten, die mich über diese Spezialität aus Sardinien aufgeklärt haben. Aber seien wir ehrlich, wer mag tatsächlich Käse, auf dem Larven herumhüpfen?). Jedenfalls, um eine „bessere Wirtschaftswelt“ zu schaffen und die dafür notwendigen Veränderungen zu erreichen, müssen wir auch bessere Weltbürger werden und dafür sorgen, dass unser Planet auch für zukünftige Generationen lebenswert bleibt.

Ich alleine kann zwar nur einen geringen Einfluss auf die Welt nehmen, indem ich weniger Milchprodukte kaufe (abgesehen davon, dass ich dadurch Kalorien spare), doch wenn sich mehr Menschen der Situation bewusst werden und das Gleiche tun, können wir alle gemeinsam vielleicht etwas bewirken. Vielleicht würden auch andere ihren Milchkonsum drosseln, damit wir weniger Kühe benötigen (keine Sorge, ein Kalb ist noch süß, eine Milliarde Kälber aber nicht mehr so sehr; laut statista.com gibt es etwa eine Milliarde Kühe auf der Welt)?

Ich verspreche, ab sofort nur noch einen Cappuccino am Tag zu trinken (Milchkaffee am Wochenende), bewusst auf den Konsum von Milchprodukten in meiner Familie zu achten und ihn zu reduzieren, nur noch halb so viel Käse zu essen und mindestens dreimal pro Woche auf Eiscreme zu verzichten (habe ich schon erwähnt, dass ich Eiscreme wirklich liebe, das wird also eine echte Herausforderung).

Wir essen schon jetzt höchstens zweimal pro Jahr Fastfood, da besteht also kein Handlungsbedarf mehr. Rindfleisch essen wir höchstens einmal im Monat – Kinder mögen nun einmal Hamburger. Und schließlich werde ich mich noch mehr mit vom Nahrungsmittelkonsum verursachten Emissionen auseinandersetzen und daran arbeiten, den negativen „Beitrag“ meiner Familie zu mindern. Ich hoffe, dass ich auf diese Weise schon einmal einen guten Anfang machen kann.

Womit können Sie beginnen? Versuchen Sie es doch mit einem Milchkaffee weniger pro Tag. Gönnen Sie sich stattdessen einen Espresso – Kaffee ohne Milch soll ohnehin gut gegen Alzheimer sein.

Quellen:

Prof. Dr. Christopher Weilage
Über Prof. Dr. Christopher Weilage 42 Artikel
Christopher Weilage, Professor für Betriebswirtschaft und Business Communication, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen International Business und Kommunikation. Weilage absolvierte seinen MBA International Business an der Moore School of Business der University of South Carolina, USA und anschließend den IMBA International Business an der Helsinki School of Economics and Business in Finnland. Am Lehrstuhl für Deutsch als Fremdsprache der LMU München promovierte der gebürtige US-Amerikaner zum Thema E-Learning.